Interview mit Andreas Eschbach
Ich freue mich darüber. Ob es gerechtfertigt ist? Hmm... Ja!
Der Preis ist für "Die Haarteppichknüpfer". Was für eine Art von Roman ist das? Er soll irgendwie mit Science Fiction zu tun haben, sonst wäre der SF-Literaturpreis wohl fehl am Platze.
Es ist Science Fiction und spielt in einer fernen Zeit, in einem fernen Raum, es kommen seltsame fremde Kulturen darin vor und Raumschiffe und gewaltige Sternenreiche - also kann man es gut unter Science Fiction einreihen, vor allem, wenn man sich anschaut, was für andere Bücher da noch in die Auswahl des SFCD gekommen sind.
Um was geht es in dem Roman?
Es geht - vermute ich - um die Erscheinungsformen von Macht.
Es gibt verschiedene Arten von Macht. Ist das eine ideologische Macht, der die Haarteppichknüpfer unterliegen?
Im Prinzip knüpfen sie ihre Teppiche für den Kaiser, der irgendwo weit weg lebt...
...fast wie ein religiöser Dienst...
...es ist im Prinzip eine falsche Religion. Eine Religion im Dienste der Machthaber.
Und durch die Glaubenssätze dieser Religion werden alle Leistungen der Knüpfer, die Ausbeutung ihrer Frauen gerechtfertigt.
Ja. Das ist ein heiliger Dienst. Es ist wichtig, daß aus diesem ganzen System niemand aussteigt.
Es muß ein geschlossenes System sein, das sich selber erhält und rechtfertigt.
Ja.
Vor allem die Jugend wird immer mal, wie es das Recht der Jugend ist, die Sache hinterfragen - die Glaubenssätze, welche Pflichten man da auf sich nehmen muß...
Es geht gleich damit los: daß der Sohn eines Haarteppichknüpfers aufmüpfig wird; er will gar kein Haarteppichknüpfer sein, und zwar deshalb, weil er Gerüchte gehört hat, daß es eine Rebellion gegeben und der Kaiser abgedankt habe - und er fragt sich natürlich, ob das noch ein zukunftssicherer Job ist, was er da machen soll, da nur der Kaiser die Teppiche kauft. Dieser Aufstand der Jugend wird quasi vom Vater niedergeschlagen, indem er seinen Sohn tötet, als ihm ein zweiter Sohn geboren wird. Üblich ist, daß der erste Sohn überlebt und alle weiteren Söhne getötet werden, weil ein Teppich immer nur eine Familie ernähren kann - das ist wohl die augenscheinlichste Grausamkeit dieses Systems.
Das klingt nach Altem Testament. Der ungehorsame,Sohn wird erschlagen oder kommt irgendwo um... War diese moralisch-sittliche Strenge beabsichtigt?
Ich glaube, das kommt automatisch. Wenn man solch ein archaisches, gnadenloses System schildert, ist das einfach ein literarisches Vorbild.
Wie entwickelt sich der Roman weiter?
Eines Tages tauchen auf dieser Welt Fremde auf, die behaupten, sie kämen von anderen Sternen. Das ist für die Leute nichts grundsätzlich Ungewöhnliches, denn man weiß: Ddem Kaiser gehört das ganze Universum, und der wohnt in irgendeinem Sternenpalast ganz weit weg. Da kommen diese Fremden und sagen, die Rebellion habe es gegeben, der Kaiser habe nicht nur abgedankt, sondern sei getötet worden, was als unwahrscheinlich empfunden wird, da der Kaiser unsterblich sein soll. Sie sagen darüber hinaus: Haarteppiche gibt es in dem kaiserlichen Palast überhaupt nicht.
Obwohl es bis dahin immer so behauptet wurde.
Seit Jahrtausenden heißt es, man knüpfe diese Teppiche für den Palast des Kaisers, und man glaubte eben, daß jede Welt, jeder Planet, der dem Kaiser gehört, ihm eine ganz spezifische Sache liefert. Dieser Planet liefert die Teppiche aus Haar, und andere Planeten, die werden etwas anderes liefern. Was aber diese Fremdlinge sagen, ist, daß sie Tausende von Welten gefunden haben, auf denen Haarteppiche geknüpft werden, und nicht ein einziger davon ist im kaiserlichen Palast aufzufinden. So, und da entsteht dieses Rätsel. Die Handlung wechselt zu diesen Fremden über, die herausfinden wollen, was mit all diesen Teppichen passiert ist. Das Rätsel wird erst am Schluß gelöst.
Ist es die Pflicht jedes Menschen, Glaubenssätze zu hinterfragen?
Man soll nichts tun nur aus dem Grund, daß man es schon immer so gemacht hat. Da landet man in der Ideologie. Oder im schlimmsten Fall in der Bürokratie.
Und was soll einem bei dieser Hinterfragung helfen? Die Vernunft oder ein neuer Glaube?
Es kommt auf die Situation an, in der man ist. Das Wichtigste ist zunächst, etwas nicht als sakrosankt zu betrachten, sondern sich eben das Recht zuzugestehen, alles zu hinterfragen und für sich selber zu klären. Das kann im Einzelfall schwierig sein. Gerade wenn man wie diese Haarteppichknüpfer Opfer einer übermächtigen Ideologiemaschine ist, werden einem Informationen vorenthalten, aufgrund derer man urteilen könnte, oder man bekommt falsche Informationen.
Man sieht das deutlich am Fall des Kommunismus.
Ja. Ich habe während des Schreibens eine sehr starke Verwandtschaft empfunden zwischen der Handlung, die sich in den Haarteppichknüpfern entwickelt hat, und dem Zerfall des Sowjetreiches, der zu der Zeit stattfand.
Würdest du sagen, daß eine Aufgabe der Science Fiction darin besteht, bestehende Traditionen, Strukturen, Systeme zu hinterfragen?
Ja. Die Aufgabe der Science Fiction ist ganz bestimmt nicht, die Zukunft vorherzusagen, das hat sie auch noch nie geleistet, sondern entweder Möglichkeiten aufzuzeigen - wenn man zum Beispiel an die Jules Verne-Romane denkt, der einfach eine bestimmte technische Voraussetzung nimmt und ausmalt, was da an Möglichkeiten darinsteckt - oder Heinlein, H.G. Wells, Leute, die einfach bestimmte Möglichkeiten ausloten. Dann gibt es Romane, die vor bestimmten Entwicklungen warnen, indem sie sie ins Extrem treiben. Und das ist eben das, was die Science Fiction bietet - daß man wirklich viel weiter in die Extreme gehen kann als in "normaler" Literatur, wo man immer noch daran gebunden ist an das, was in dieser Welt tatsächlich vorhanden ist.
An die empirische Wirklichkeit...
Ja, in der Science Fiction kann man alles maßlos übertreiben, und dann fängt es erst an, interessant zu werden.--
Was gesellschaftliche Systeme anbelangt, habe ich das Gefühl, daß die SF nur zwei Modelle kennt: nämlich entweder dieses archaische, feudalistische System - irgendwelche Adelsgeschlechter, die über das niedere Volk herrschen - oder eine Art Militärdiktatur. Spontan fällt mir jetzt kein Gegenbeispiel für eine richtig durchgezeichnete Kultur ein.
Relevant wird dies dadurch, wie du dich dazu stellst. War das zum Beispiel ein Antrieb, die "Haarteppichknüpfer" oder "Solarstation" zu schreiben?
Bei den beiden Büchern war der Antrieb unterschiedlich. Bei den Haarteppichknüpfern ging es, ausgehend von der ursprünglichen Kurzgeschichte, schon um das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft, die es unterdrückt. In diesem Universum ist jeder Opfer - zum Schluß sogar der Kaiser. Es gibt keine wirklich funktionierenden Beziehungen, weil alles pervertiert ist durch den Machtanspruch, der hinter dem Ganzen steht. Das war etwas, was ich zeigen wollte - es war nicht mein Antrieb, es zu schreiben. Sondern das hat sich dann aus der Geschichte heraus entwickelt. Ich habe gesehen, das es das ist, worum es geht. Ich meine, das versteht man während des Schreibens nie so, wie man es sich nachher zurechtinterpretiert, sondern man fängt mit einer Geschichte an, und sie hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, verlangt bestimmte Entwicklungen, die man nicht richtig vorhersagen kann... Manchmal versteht man zwischendrin, was man gerade tut, aber nicht immer. Ich habe verstanden, daß es in dem Roman um Machtverhältnisse geht.
Es kommt zum Beispiel ein Künstler vor.
Der Flötenspieler hat es nicht leicht.
Was ist sein Problem hinsichtlich Macht?
Der Flötenspieler will ganz seiner Kunst leben - sich ihr total widmen - und hat dadurch etwas, dem er mehr verpflichtet ist als dem herrschenden System, sogar mehr als seinem Leben. Deshalb kann das von Seiten der Herrschenden nicht toleriert werden. Er wird ungeachtet seines Könnens in die Armee eingezogen, von wo er desertiert, weil dieser Drang in ihm stärker ist als alles andere. Er wird verfolgt, entkommt wieder... Aber das Gottkaisertum ist künstlich, es ist den Leuten übergestülpt. Und der Künstler hat in seinem Flötenspiel etwas erfahren, was mehr ist und was diese künstliche Ideologie widerlegt.
Dann ist er ein Ketzer.
Ja.
Er lehnt den Gott ab, der das etablierte System rechtfertigt.
Es ist ihm nicht sehr bewußt, denn er folgt einfach seiner Berufung, er ist ein unbewußter Ketzer. Das ist der Wendepunkt. Diese Geschichte steht nicht zufällig in der Mitte.
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Warum bist du in deinem Roman "Solarstation" ganz bei der Erde geblieben? Hattest du einen festen Plan?
Das wurde auch durch die Geschichte diktiert. Ich wollte einen Actionthriller schreiben, der auf einer Raumstation spielt, und zwar in möglichst naher Zukunft. Ich habe die Realität ein bißchen erweitert, ein anderes politisches Weltbild skizziert, das sich im Jahr 2015 abzeichnet - das mir so unrealistisch nicht erscheint. Japan ist die führende Wirtschaftsmacht der Welt und Europa spielt keine große Rolle mehr, weil da alle mit sich selbst beschäftigt sind, Amerika ist in den Händen fundamentalistischer Eiferer gelandet. Und in diesem verfremdeten Setting spielt dann eine Actionhandlung, die nicht willkürlich irgendwo angesiedelt ist, sondern die auch die Besonderheiten des Schauplatzes berücksichtigt, des Weltraums.
Es kommen Terroristen vor, die die Raumstation erobern, und am Boden, in Saudi-Arabien, findet der zweite oder dritte Golfkrieg statt...
Der zweite.
Kann das auch mit der der Entstehungszeit des Romans zu tun haben?
In dem Roman ist der Jugoslawienkrieg noch nicht vorüber, sondern geht in sein fünfundzwanzigstes Jahr - da werden wir abwarten müssen, auf daß sich das hoffentlich nicht bewahrheitet - und es herrscht ein zweiter Golfkrieg, der allerdings geprägt wird von einem neuen islamischen Propheten, der ein religiöser Erneuerer ist und der erbitterte Fürstreiter wie auch - im Lager der bisherigen Islamisten - Widersacher hat. Er schickt sich an, die Welt im Namen dessen, was er unter Islam versteht, zu erobern. Zu diesem Zweck braucht er die Solarstation. Die Terroristen, die er ausgeschickt hat, müssen für ihn ein kriegerisches Wunder bewirken, das er ausschlachten will. Das ist das, was auf dem Spiel steht.
Was mich in der "Solarstation" interessiert hat, ist der Konflikt des Helden - wenn es so einen gibt.
Der Konflikt ist in ihm der, daß er am Anfang des Romans sein Selbstvertrauen, sein Selbstbewußtsein verloren hat. Er hat am ersten Golfkrieg teilgenommen, hat sich als Sieger gefühlt, hat seine Frau da kennengelernt, eine Araberin, und nachher ging die Beziehung auseinander - sie zieht mit dem Sohn zurück, in die Nähe von Mekka; als der Krieg ausbricht, müssen sie nach Mekka hinein fliehen, und er schafft es ins Astronautenausbildungszentrum in den USA. Als dort die Raumfahrt eingestellt wird, schafft er es durch Fürsprache eines Lehrers, in die japanische Raumfahrtbehörde übernommen zu werden und ist eben an Bord so eine Art Omegatier...
Der letzte Arsch. Er ist bloß der Hausmeister.
Ja, wobei mir dieser Ausdruck mir ein bißchen zu viel im Klappentext und in Besprechungen herumgeistert. Er ist für die Organisation an Bord der Raumstation zuständig, das heißt, er muß Maschinen warten, die Luftversorgung richtig einstellen und solche Dinge, während die anderen sich wissenschaftlichen Arbeiten widmen, der Entwicklung dieser Energieübertragung vom Weltraum auf die Erde.
Sozusagen der Scotty auf der 'Enterprise'.
Scotty hat eine richtig wichtige Position, weil er der technische Freak ist. Das ist Leonard Carr nicht, sondern er ist der Servicetechniker! Wenn der Aufzug nicht geht, dann ruft man den Mann im blauen Anton, und der kommt dann mit dem Werkzeugkoffer und sagt: 'Ja, kriegen wir gleich wieder hin'. Das ist seine Rolle.
Er ist so eine Art 'Die Hard'-Typ à la Bruce Willis.
Ja. Das wäre die ideale Besetzung bei einer Verfilmung.
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Wenn du schreibst, hast du dann eine Art Sendungsbewußtsein, um die Welt zu verbessern, oder willst du schreiben, um gut zu unterhalten und Geld zu verdienen?
Also, wenn ich eine Botschaft habe, dann schicke ich sie mit der Post. - Nein. Ich schreibe, um die Bücher zu schreiben, die ich selber gern lesen möchte. Und ich lese Bücher selbst gerne, die erstens unterhalten, und zwar auf spannende Art - möglichst ein Buch, das einen Nächte hindurch wachhält und das einen nicht mehr losläßt - das aber trotzdem eine tiefere Botschaft vermittelt. Das heißt, daß man es nicht beiseite legt mit dem Gefühl, gerade eine Überdosis Big Macs verdrückt zu haben.
Einen gewissen Gehalt hab' ich schon ganz gern. Es muß nicht übertrieben viel sein, aber... Der Gehalt muß nicht auf Kosten der Spannung gehen. Ich bin der Überzeugung, daß man einfach beides miteinander verbinden kann; es gibt ja auch Bücher, die das tun, sogar manche Klassiker schreiben spannend. Es ist nur schwer, dahinter zu kommen, weil man einfach aus der Schule ein bißchen verdorben ist. Dann dürfen interessante Personen darin auftauchen, es darf auch ein bißchen Humor geben... Das ist für mich das Buch als Gesamterlebnis, das sich dann einreiht in andere Erlebnisse, die ich im Lauf des Lebens habe. Man erinnert sich an bestimmte Bücher sehr gern, weil sie einen bewegt haben, weil sie ein Bestandteil des eigenen Lebens geworden sind. Karl May wäre jetzt mal so ein Beispiel, da erinnert sich jeder - Winnetou, Old Shatterhand, das sind feste Größen in unserem Vorstellungsgefüge. Für Perry Rhodan-Leser gilt Entsprechendes für Perry Rhodan und Atlan, das sind einfach solche Mythen geworden. Und das ist eigentlich die Rolle, die ein gutes Buch spielen sollte.
Daß es unsere Vorstellungswelt erweitert.
Es erweitert unsere Vorstellung. Es bereichert unser Leben. Es ist nicht bloß Zeitvertreib, es ist nicht bloß, daß etwas Aufregendes gelesen ist, es ist auch nicht ein Stück Arbeit, daß man sich durch Tonnen eines schwierigen und geschraubten Stils hindurcharbeitet, um nachher sagen zu können: 'ja, ich hab's gelesen... ein sehr schwieriges Buch... verstanden hab ich nix, vielleicht stand auch nix drin...' Sondern ein Buch, das uns so richtig packt. Manchmal ist es auch eine bestimmte Gestalt, die einen Konflikt zu bewältigen hat, der mit einem selbst zu tun hat.
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Wann will der Heyne-Verlag "Die Haarteppichknüpfer" als Taschenbuch herausbringen?
Die "Haarteppichknüpfer" sollen im Frühjahr 1998 als Taschenbuch erscheinen.
Hast du zur Zeit mehrere Romane in Arbeit?
Zwei fertige liegen gerade beim Agenten, und ich nehme an, daß er sie mit zur Buchmesse nimmt. Dann habe ich einen in Arbeit, und es laufen Gespräche mit Lektoren bei diversen Verlagen, die quasi gern ein Buch bestellen möchten...Das, woran ich gerade arbeite, das ist was Größeres, spielt völlig im Hier und Jetzt, ist aber auch phantastischer Natur, hat auch Rückgriffe auf die Geschichte.
Das wird wohl ein größerer Wälzer werden... eine Art 'Luzifer's Hammer'.
Ich hoffe, daß es zumindest ein Hammer wird.
Okay, wir stellen uns schon mal geistig darauf ein.
Michael Matzer (c)1997ff