John Barnes

Eine Million offener Tore

Von John Barnes gab es bislang nur wenig bei uns zu lesen, so etwa die Novelle "Canso de fis de jovent" in einer von Heynes SF-Anthologien. Diese Novelle ist zugleich der erste Teil des Romans "Eine Million offener Tore" dieses sehr interessanten Autors. Kürzlich ist auch "Die Mutter aller Stürme", ein Weltuntergangsroman, erschienen. Die Besprechung davon wird in einem künftigen sfm folgen.

"Eine Million offener Tore" erzählt in detailgenauen und farbigen Schilderungen vom Leben auf zweien der von Menschen vor langer Zeit terraformierten und besiedelten Welten. Genauer gesagt, es geht um die radikale Änderung der menschlichen Kultur auf den zwei Welten. Und erst dadurch wird der Roman wirklich interessant.

Unser Held namens Giraut lebt als Jüngling nach einem Ehrenkodex, der der Minne des irdischen Mittelalters verpflichtet ist und der von den südfranzösischen Troubadouren verbreitet wurde. Folglich haben er und seine Kumpane alle eine Angebetete, der sie ihre Minne widmen. Und wer auch immer seine Ehre angreift, hat in einem Duell bekämpft zu werden. So beginnt der erste Romanteil mit einem Duell und dem Tod eines Kameraden von Girauts. Der Leser fühlt sich in die Zeit der drei Musketiere zurückversetzt. Doch Barnes erzählt seine Geschichte mit weit mehr Tiefgang als seinerzeit Dumas.

Nachdem er entdeckt hat, daß seine Herzensdame "unnatürlichen Neigungen", nämlich dem Agieren in Sadomaso-Pornos, frönt, begibt sich der Entsagende auf einen anderen Planeten, wo ihn genau das Gegenteil der Minnekultur erwartet: der rationale Utilitarismus, der zur Staatsreligion erhoben worden ist. Diese besagt, daß nur das wirtschaftlich Notwendige vernünftig ist, und nur das Vernünftige ist auch erlaubt. Über die Vernunft wachen KIs (Künstliche Intelligenzen) und eine Art Priesterkaste als deren Mittler. Nicht nur das geografische Klima ist daher schaurig kalt, und der erfahrene Leser erwartet bereits die Revolution in diesem "Utilitopia".

Sie beginnt in Form von Girauts Wunsch, ein Bildungszentrum für die Kultur seines Heimatplaneten zu eröffnen. Nach der widerwilligen Genehmigung - ein Glanzstück der Sozialsatire - beginnt der Zustrom von Aussteigern der Utilitopia-Gesellschaft. Kurz und gut: Die Aufnahme nicht vernunft-begründeten bzw. -orientierten Gedankenguts, gepaart mit einer Öffnung der lokalen Wirtschaft zur restlichen besiedelten Weltraum erschüttert die Gesellschaft. Aufstände werden blutig niedergeschlagen, ein Despot wird schließlich gestürzt und Girauts Anhänger fast alle getötet.

Nach der Revolution wird Giraut von den Botschaftern des Weltenkonzils mit einem Posten betraut und begegnet seiner früheren Minnedame wieder: Beide haben sich nun stark verändert und können sich unter neuen Gesichtspunkten miteinander anfreunden. Girauts alte Kultur ist fast dahin, denn seine Briefe nach Hause haben der abgeschlossenen Kultur praktisch den Todesstoß versetzt, weil eine ganz andere Perspektive sichtbar wurde, die die alten Werte relativierte.

"Eine Million offener Tore" präsentiert auf spannende, anrührende und intelligente Weise ein Lehrstück in Sachen Kulturschock und gesellschaftlicher Veränderung. Der Autor weiß genau, wovon er schreibt - so zumindest der Eindruck des Lesers. John Brunner hätte seine helle Freude an diesem Buch gehabt.

Ergänzung: Die Fortsetzung des Romans erschien unter dem Titel "World of Glass" in den USA.

Michael Matzer (c)2000ff

Info: A million open doors, 1992, 399 Seiten; Heyne, München, Nr. 060/5421; aus dem US-Englischen von Hilde Linnert.

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