Die Erde ist eine Farce

Ein Interview mit John Brunner

Solaris: Was ist das Thema Ihres gegenwärtigen literarischen Projektes? Ist es wahr, daß es sich mit einem zukünftigen Europa befaßt, das faschistisch geworden ist? Warum, glauben Sie, ist solch ein Buch notwendig?

Brunner: Mein "gegenwärtiges literarisches Projekt" (das ich vor kurzem an Ballantine/Del Rey geschickt habe, die es in Auftrag gaben) ist eine Farce mit dem Titel "Muddle Earth". Sie ist meiner schönen chinesischen Frau LiYi gewidmet, weil ich durch sie herausgefunden habe, daß ich nach fünf einsamen Jahren als Witwer immer noch lachen kann.

"Muddle Earth" ist, wie gesagt, eine Farce. Nachdem Rinpoche Gibbs aus dem Tiefkühlschlaf wiederbelebt worden ist, findet er heraus, daß irgendjemand per Zufall das interstellare Reisen erfunden hat, mit der Folge, daß jedermann mit Talent und Ehrgeiz ausgewandert ist, denn auf der Erde ist die Lage mittlerweile echt beschissen. Die Leute, die man zurückgelassen hat, sind nicht in der Lage, sich selbst zu helfen, also haben sie eine fremde Rasse angeheuert, um ihnen beizustehen. Die Yelignesen tun auch ihr Bestes, aber eigentlich verstehen sie die Menschen nicht - sie selbst verfügen zwar über multiplanare temporale Konnektivität, aber nicht über das Äquivalent von Sex.

Weil man versucht, die Wiederherstellung des Planeten finanziell zu einem Geschäft zu machen, sind einige Gebiete in den Zustand, "wie sie in der Vergangenheit waren", zurückversetzt worden, um damit Touristen anzulocken - nur daß Hollywood als Holyrood mißverstanden wurde... wo Rin Spotch vom Trigon trifft, den sein Trip zur Erde einen Arm und ein Bein [d.h. ein Vermögen] gekostet hat, aber die Ersatzglieder sind großartig. Und Rin verliebt sich in Nixy Anangaranga-Jones, die zigste Enkelin oder Großnichte oder so des einzigen Wesens in der Galaxie, das reich genug ist, daß es ein komplettes Sonnensystem gekauft hat - nur daß eben die Dinge immer schieflaufen, wohin sie auch kommt, etwa daß das San Francisco-Erdbeben während des Goldrausches passiert, also müssen sie sich an Sherlock Holmes wenden, damit der ihnen hilft... Von da ab wird die Story einfach nur albern.--

Ich habe keine Pläne, einen Roman über ein faschistisches Europa zu schreiben. Ich vermag mir vorzustellen, wie es zu diesem Mißverständnis gekommen ist, aber es bleibt ein Mißverständnis.

Solaris: Wie sieht die britische Öffentlichkeit die Ereignisse in Rostock?

Brunner: Das hängt davon ab, von welchem Teil der britischen Öffentlichkeit Sie sprechen. Liberale Intellektuelle wie ich sind entsetzt [horrified], doch die Lumpen [deutsch im Original] jubeln und applaudieren. Es würde mich nicht wundern, wenn man herausfände, daß zum Beispiel Mitglieder von sogenannten "Firmen" - organisierte Banden von Fußball-Hooligans - zur Zeit [September 92] gruppenweise nach Deutschland reisen, um an dem Spaß teilzunehmen.

Solaris: Sie haben in "Kinder des Donners" ein wenn nicht totalitäres, so doch repressives Herrschaftssystem geschildert. Sehen Sie die größte Gefahr für Europa von dem Aufstieg beziehungsweise Wiedererstehen solcher Regimes ausgehen - oder ist dieser Trend überall auf der Welt zu finden?

Brunner: Die enorme Komplexität der modernen Gesellschaft in Verbindung mit der raschen Zunahme der Bevölkerung macht traditionelle "Stile" von Herrschaft unwirksam. (Wenn ich mich mit LiYi unterhalte, bestätigt sich mein lange gehegter Verdacht, daß China tatsächlich unmöglich zu regieren ist. Es sind einfach zu viele Menschen involviert.)

Die meisten von uns scheinen unfähig oder nicht willens zu sein, genügend Verantwortung an die lokale Ebene [der Verwaltung] abzugeben, als daß unsere Nationalstaaten auf der Basis von föderierten Segmenten funktionieren könnten. Diese Segmente müßten klein genug sein, um für ihre Bürger erträglich [comfortable] und flexibel genug zu sein, um sich durch Evolution statt durch Revolution anzupassen - ungeachtet der Tatsache, daß offenbar einige Länder in dieser Weise gut funktionierend arbeiten, so etwa die Schweiz, woher meine Vorfahren stammen. Diese Länder tun das jedoch um den Preis, daß sie de facto starr und sogar reaktionär geworden sind.

Mir scheint, die Herrschenden werden sich so lange sie können an die traditionellen Mittel zur Kontrolle der Gesellschaft klammern: Ausspionieren der Bürger, Unterdrückung öffentlicher Proteste, Inhaftierung von Dissidenten auf der Grundlage falscher Beschuldigungen, verfälschende Zeitungsberichte, Erpressung und so weiter. Die Macht beziehungsweise Leistungsfähigkeit von Computern verlängert bereits heute die Lebensdauer von Regierungen, die ohne sie schon längst ein verdientes Ende genommen hätten.

Ich glaube nicht, daß irgendein Teil der Welt davon ausgenommen ist - abgesehen von Teilen Zentralafrikas, Ländern, die sich im Bürgerkrieg befinden, und anderen Sonderfällen, wo es kaum nennenswerte Herrschaftsformen irgendeiner Art gibt.

Solaris: Ich habe gerade Ihren Roman "Labyrinth der Sterne" zu Ende gelesen, den der Heyne Verlag im Juli 92 veröffentlichte. Darin haben Sie die Möglichkeiten menschlicher Evolution beziehungsweise unterschiedliche menschliche Zukünfte erforscht. Die Mehrzahl der ausgesäten Kulturen scheitert jedoch im Überlebenskampf oder ist gerade dabei, "when the ship comes in" (Bob Dylan). Wie erklären Sie sich das? War es Ihr Ziel, als Sie das Buch schrieben, "ein Warnschild aufzustellen" - oder sind Sie einfach eher pessimistisch als optimistisch, was die Zukunft des Menschen anbelangt?

Brunner: Eigentlich gibt es eine ganze Menge erfolgreicher Kolonien in "Labyrinth der Sterne" - mehr Erfolge als Fehlschläge -, doch aus der Perspektive sowohl des Schriftstellers als auch des Lesers sind die Fehlschläge interessanter, weil es eine so große Vielfalt von ihnen gibt - also widmete ich ihnen mehr Raum.

Solaris: Warum verliert Schiff, wenn es auf eine neue Tour geht, immer etwas von seinem Gedächtnis?

Brunner: Ist etwas aus der deutschen Ausgabe gestrichen worden? Schiff verliert sein Gedächtnis nicht. Schiffs Bewußtsein vom menschlichen Typ befindet sich zu dem Superbewußtsein, das sich in ihm entwickelt hat, im gleichen Verhältnis wie unser Unterbewußtsein zu unserem Bewußtsein. Was es denkt, denkt und/oder erinnert es auf einer untergeordneten, abhängigen Ebene. Es könnte sogar sein, daß es seine Reisen überhaupt nicht wirklich macht, sondern sie lediglich wiedererlebt, so wie das - wie soll man's nennen? - Überbewußtsein [overmind] sich eben gerade an Ereignisse erinnert, die dann und dann in der Vergangenheit stattfanden - das ist der Grund, weshalb Schiff selbst keine Kontrolle besitzt. Ich glaube, daß es sich in einer bemitleidenswerten Lage befindet.

Solaris: Wie erklären Sie sich die offensichtlichen Abweichungen zwischen dem Text der deutschen Übersetzung und dem Text der amerikanischen Taschenbuchausgabe? ("Zensur", wie Herr Jeschke meinte?)

Brunner: Mir war nicht bekannt, daß es irgendwelche Abweichungen zwischen der US-Ausgabe und der deutschen Übersetzung gibt. Ich war zu beschäftigt, um die letztere genau anzuschauen.

Solaris: Iain Banks ist ebenfalls ein britischer Autor bemerkenswerter Science Fiction-Bücher. In Büchern wie "The State of Art" zeigt er, daß ihm der Zustand der Welt und der heutigen Gesellschaft ein großes Anliegen ist. Was denken Sie über seine Bücher und seine Ansichten?

Brunner: Iain Banks ist ein liebenswerter und oftmals sehr komischer Bursche, aber ich habe keines von seinen Büchern gelesen. Ich lese kaum irgendwas Fiktionales. Vor zwanzig, dreißig Jahren pflegte ich mindestens einen Roman pro Woche zu lesen, fünfzig im Jahr. Ich verschlinge Bücher immer noch, aber jetzt beträgt das Verhältnis zwischen Sachliteratur und Fiktionalem mindestens 4:1, wenn nicht sogar mehr. Gerade habe ich die "Cambridge Encyclopedia of Language" zuu Ende gelesen [mindestens 400 DIN A4-Seiten], die das Äquivalent von etwa acht bis zehn durchschnittlichen Romanen enthalten dürfte. Als nächstes ist Alvin Tofflers "Power Shift" dran.

Solaris: Gibt es in Großbritannien Schriftsteller von ähnlicher Bedeutung wie Sie und Banks, von denen unsere Leser wissen sollten?

Brunner: Der britische Schriftsteller auf mehr oder weniger unserem Gebiet, der mich wieder und wieder beeindruckt hat, ist ein Mensch, der nicht annähernd genug schreibt: Christopher Priest. Ich bin sicher, Sie kennen Ian Watson und Rob[ert] Holdstock. Storm Constantine und Christopher Evans wird positive Beachtung geschenkt. Doch der einzige Autor, dessen Werk ich als etwas nie Dagewesenes einstufe, ist und bleibt Terry Pratchett.

Solaris: Sie sind mit vielen Schriftstellern im SF-Feld persönlich bekannt, etwa mit David Brin. Gibt es einen wichtigen Trend in der gegenwärtigen SF-Szene?

Brunner: Der auffälligste "wichtige Trend" in der Science Fiction - und bei den meisten Fiction-Veröffentlichungen - ist der Verlust von Märkten. Herausgeber/Lektoren schicken sogar Bücher zurück, die in Auftrag gegeben wurden, und verzichten lieber auf bereits gezahlte Vorschußzahlungen. Das ist billiger als Bücher zu veröffentlichen und noch mehr Geld zu verlieren. Als Folge davon wird gute, literarische, originelle, neue Science Fiction in den nächsten Jahren immer seltener werden, während diejenigen Autoren, die (wie ich) über keine andere Einkommensquelle verfügen, sich abmühen, den Lebensunterhalt zusammenzukratzen, indem sie routinemäßige, aber gut verkäufliche Wortware produzieren.

Interview und Übersetzung von Michael Matzer (c) 1992ff

 

www.matzer.de/SFF/
www.carpe.com/buch/