Die Dummen, die Schlauen und der weise Narr
Das Bild des Menschen in den Werken John Brunners
Bitte, lesen Sie einmal die folgende Fernsehstudioszene in "Schafe blicken auf" (1):
"Austin Train?"...
"Ich bin Agent des Federal Bureau of Investigation", sagte der Mann. "Des F-B-I." Er stellte die Buchstaben nebeneinander wie Säulen. Er besaß eine gute Stimme; sie erreichte die Mikrofone vor Petronella [Page, der Showmasterin] und Austin [Train, ihrem Gast] einwandfrei; sie waren eingeschaltet, so daß die Zuschauermasse alles hören konnte. "Dies ist ein Haftbefehl, ausgestellt auf Ihren Namen, wegen Verdachts auf Mittäterschaft bei der Entführung des Minderjährigen Hector Rufus Bamberley und auf Mitwirkung an der Beraubung desselben um seine bürgerlichen Rechte, insbesondere seine persönliche Freiheit und seine körperliche Gesundheit, letzteres, indem Sie seine Infizierung mit..." - er zierte sich ein wenig, sich dessen bewußt, daß man einige der Wörter, die er nun gebrauchen mußte, im Fernsehen nicht sehr häufig vernahm - "... Hepatitis, Syphilis, Tripper und anderen gefährlichen Krankheiten durch Unterlassen herbeiführten. Ich bedaure, Ihre Show stören zu müssen, Miß Page, aber man hat mich mit der Vornahme der Verhaftung beauftragt. Miß Page...?"
"Ich glaube, Miß Page ist in Ohnmacht gefallen", sagte Train, erhob sich und legte seine Knöchel in die Handschellen. Später, als man sie zu sich gebracht hatte, schimpfte Ian Farley [der Show-Regisseur] mit ihr herum. "Kidnapper! Folterknecht! Gott weiß, was sonst noch - vielleicht Mörder! Und du wolltest einen Helden aus ihm machen!..."
Die Szene hat zwei Opfer und einen Täter. Dieser, der Mann vom FBI, wurde von den Herrschenden, der Regierung der Vereingten Staaten in nicht allzu ferner Zukunft, geschickt, um 1) die Verhaftung eines "subversiven Elements" vorzunehmen und 2) um die Übertragung dessen, was Austin Train vor der Kamera zu etwa 60 Millionen Zuschauern gesagt hätte, zu verhindern. Petronella Page, die Showmasterin, die sich schon selbst zu dem Coup beglückwünscht hatte, den meistgesuchten Mann der USA in ihre Show bekommen zu haben, verliert das Bewußtsein. Warum? Sie war zum einen eine klammheimliche Anhängerin der ökologischen Ideen Trains geworden und war über die Verhaftung entsetzt. Viel wichtiger war ihr aber wohl, daß der ungeheure Prestigewinn, den ihr das Interview mit Train eingebracht hätte, nun entrissen worden war. Sie als die Verwalterin des Informationsflusses, den das Fernsehen darstellt, hatte Train benutzen wollen, um ihren eigenen Ruhm zu mehren. Das war ihr nun verwehrt worden.
Das verbindende Element zwischen Opfern und Tätern ist unter anderem Information, oder vielmehr die Kontrolle des Informationsflusses, der Weitergabe von Wissen - sie verschafft Macht, Reichtum und - in einem Land, in dem die Umwelt von A bis Z vergiftet ist, auch Gesundheit (da man sich dann Lebensmittel aus unverseuchten Gebieten der Erde leisten kann). Durch die Verhaftung desjenigen, der den Leuten sagen könnte, was Sache ist im Lande, unterbinden die Herrschenden die Möglichkeit einer Revolution, die zu der Abschaffung der herrschenden Klasse und somit einer (erhofften) Besserung der gesamten Umweltsituation führen würde.
Die Showmasterin weiß, daß Train die Macht hat, die Massen zur Revolution zu bewegen. Sie weiß aber auch, daß sie selbst, wenn sie seine Ziele und Gedanken gutheißen würde, aus dem Sender fliegen würde. Da kann die Revolution noch so notwendig sein, die Macht des Fernsehens bietet ihr die Chance, Prestige und somit ein höheres Gehalt einzuheimsen. Sie nimmt in Kauf, daß Train in ihrer Sendung "gekreuzigt" wird. Page benutzt Wissen nach technisch-ökonomischen Gesichtspunkten, mit dem Medium Fernsehen als Instrument und den Zuschauern als manipulierbarer Masse.
Austin Train
Train gibt in dieser Szene ein trauriges Gastspiel als Opferlamm. Er ist der Verfasser von Schriften, deren Ideen zur Verbesserung der ökologischen Situation in den USA führen sollen. Seine Ideologie nennt sich selbst "Commensalismus", d.h. alle Lebewesen werden als gleichwertig und gleichberechtigt betrachtet. Die Medien bezeichnen die Anhänger Trains nur als "Trainisten", ihr Zeichen, der Kreis über gekreuzten Knochen, wird zum Schreckenssymbol aufgebauscht. Während Train selbst untergetaucht war, tauchten 200 neue Austin Trains auf und behaupteten, in seinem Namen zu handeln, wenn sie Anschläge auf Tankstellen oder Lebensmittelwerke ausführten. Einer dieser Trains hatte auch Hector Bamberley entführt - die Entführung, aufgrund derer der echte Train festgenommen worden ist.
Der Grund für Trains Passivität: Wie sich später herausstellt, wartet Train auf eine geeignetere Zeit, um sich an die Nation zu wenden: am Tag als ihm der Prozeß gemacht werden soll. Durch seine Verhaftung aber ist ihm eine Art Märtyrerstatus zugefallen, der seinen Einfluß noch vergrößert. Am Tag des Prozesses gibt er seine Häscher dann dem Gelächter der Zuschauer preis. Daraufhin wendet er sich mit einer eindringlichen Botschaft an die Zuschauer im Saal und vor den Bildschirmen. Er verrät ihnen, was die Ursache für die Vergiftung der Bevölkerung von Denver war. Er tut dies nicht aus Eigennutz - wie Petronella Page - oder um seine Anhänger zu schützen, sondern allein, um seine "kranken Freunde", wie er seine Mitbürger nennt, aufzuklären und sie aufzufordern, etwas zur Besserung der katastrophalen Umweltsituation beizutragen. Sein Einsatz von Wissen läßt sich also keineswegs als Technik bezeichnen, sondern dient vielmehr der Aufklärung und der Anregung zum Nachdenken, zur Kritik.
Die Anwendung von Wissen als Technik oder als Kritik ist einer der zentralen Aspekte im Verhalten der Menschen bei John Brunner. Und das Kriterium, wer Wissen wie anwendet, entscheidet über gut und böse, über dumm, clever oder weise, ja über Leben oder Tod. Wissen, Information ist für Brunner offenbar deshalb ein kritischer Faktor in unserer Zeit geworden, weil im Gegensatz zu früheren Zeiten, das Bewußtsein des einzelnen vom Zustand der Welt nicht mehr mit dem rapiden Wachstum der Menge an Informationen über die Welt Schritt halten kann. Weil die Anstrengung, die die Bemühung ums Schritthalten bedeutet, manchem zu groß geworden ist, klinkt er oder sie aus und flüchtet in eskapistische Verhaltensweisen - Fernsehsucht, Sex, Drogen usw. Wer heute noch mit der Informationsflut Schritt halten will, muß über besondere Mittel und über einen hohen Grad von Allgemeinbildung verfügen. Der Grad der Informiertheit entscheidet aber über das richtige Verhalten, um unsere Welt vor der Katastrophe zu bewahren. Deshalb ist Wissen - und entsprechendes Handeln - für Brunners Menschenbild so wichtig.
Morgenwelt: Drei Gruppen von Menschen
In seinem Roman "Morgenwelt" ("Stand on Zanzibar", 1968) wie auch in vielen anderen seiner Werke läßt Brunner drei Gruppen von Figuren auftreten.(2):
Die erste Gruppe ist quasi der Mann von der Straße, der keinen Zugang zu oder kein Interesse an weitergehenden Informationen über das, was in der Welt relevant für ihn wäre, hat. Das sind die "Dummen" und sie sind in der Regel, wenn es zur Katastrophe kommt, die ersten - unschuldigen? - Opfer. Sie haben nichts gewußt, aber bekanntlich schützt Unwissenheit nicht vor Strafe.
Die zweite Gruppe umfaßt Figuren, die sehr wohl Zugang zu wichtigen Daten haben, ja mitunter selbst Forschungen betreiben. Solche Menschen sind zum Beispiel die Konzernchefin von General Technics (GT), Georgette Tallon Buckfast, aber auch Professor Sugaiguntung. Buckfast übt mit GT weltweit ungeheure Macht aus, so kauft sie etwa das afrikanische Land Beninia auf, um es profitabel umzukrempeln. Sie verfügt über den Supercomputer Salmanassar als mächtigem Instrument, um neues Wissen zu erlangen und per Berechnung in die Zukunft zu schauen. Leider besteht ihr eigener Körper hauptsächlich aus Prothesen und erlebt den Schluß des Romans nicht mehr.
Professor Sugaiguntung hat in Yatakang, einer fiktiven Militärdiktatur in Südostasien, ein wissenschaftliches Projekt auf die Beine gestellt, das zum Ziel hat, den Foetus schon im Mutterleib so zu optimieren, daß der spätere Erwachsene ein hervorragendes Mitglied der Gesellschaft, vor allem aber ein guter Soldat sein wird. Der Professor bekommt Skrupel an der moralischen Berechtigung seines Programm und läßt sich von einem amerikanischen Agenten, Donald Hogan, außer Landes bringen. Leider kommt er auf der Flucht um. Auch die Angehörigen dieser Gruppe sterben zum großen Teil.
Die dritte Gruppe stellen jene Wissenden dar, die zusätzlich auch Verständnis für die Lage ihrer Mitmenschen, für die Umwelt und für die Welt im Ganzen mitbringen. Ihnen ist gemeinsam, daß sie lernen - im Gegensatz zu der ersten und zweiten Gruppe. Sie betrachten Wissen im humanistischen Rahmen, daß es nämlich in erster Linie zum Nutzen der Mit-Menschen eingesetzt werden muß, nicht der eigenen Person.
Die Lernenden in "Morgenwelt" sind Norman House, ein junger Manager im GT-Konzern, Elihu Masters, ein Akademiker aus Beninia, der Computer Salmanassar und der unvergleichliche "weise Narr" Chad Mulligan. Wie später Austin Train in "Schafe blicken auf" (1972) und Nick Haflinger in "Der Schockwellenreiter" (1975) ist er die Stimme der Kritik im Roman. Mit ausgewählten Zitaten aus seinem Buch von gesammelten Bosheiten "The Hipcrime Vocab" kommentiert der Autor (Brunner) indirekt die Mißstände auf der "Morgenwelt". Mulligan erscheint als Narr, denn zuerst wird er gar nicht ernst genommen, als er eines Tages wieder aus der Versenkung auftaucht und als verlauster Straßenpenner in den besten Frisiersalon von New York City schlappt, um sich einen neuen Haarschnitt verpassen zu lassen. Doch als er sich von GT anheuern läßt, um am Beninia-Projekt mitzuarbeiten, entpuppt er sich als fähiger Manager. Und als der einzige, der Salmanassar dazu bringen kann, die unwahrscheinlich anmutenden Daten über Beninia zu "schlucken". Er ist ein Aufklärer, wie er im Buche steht. Und er überlebt, gerade deswegen.
Man könnte nun boshaft fragen: Wozu soll das gut sein, daß Mulligan und die anderen Weisen nicht im Roman sterben wie die vielen, vielen anderen?
In jedem der großen Romane Brunners, die ich bis jetzt angesprochen habe, steckt die mächtigste und somit wichtigste westliche Nation der Erde, die USA, in einer menschenbedrohenden Krise. In "Morgenwelt": die Überbevölkerung resultiert in Eugenik-Gesetzen, Mißachtung der Menschenwürde, Amokläufern und Attentätern, einem Krieg, im langsamen Selbstmord der Gesellschaft. In "Schafe...": Die Umweltvergiftung hat solche Ausmaße angenommen, daß der Gesellschaft die Basis für die materielle Lebensgrundlage entzogen ist. Das Aufbegehren gegen die Mißstände resultiert in Haß und Gewalt, schließlich in der Selbstvernichtung der USA durch einen Großbrand. In "Schockwellenreiter": Der Mißbrauch der psychologischen und biologischen Wissenschaften sowie der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) zur Kontrolle der Gesellschaft führt über die Revolte zum Zusammenbruch der Regierung und zur Errichtung anderer Formen der Selbstverwaltung.
Chad Mulligan führt in "Morgenwelt" eine Wende zum Besseren herbei, indem er die Zulassung der unwahrscheinlichen Daten über Beninia und das "Friedens-Gen" durchsetzt. Als Folge davon wird das völlige technologisch-ökonomische Umkrempeln und Ausbeuten des Kleinstaates abgewendet. Austin Train hingegen braucht nicht persönlich so stark einzugreifen: Entweder verändern seine Ideen die Einstellung der Menschen oder seine Aliasse werden terroristisch aktiv. Erst als er verurteilt werden soll, verkündet er die aufrüttelnde Wahrheit über bestimmte Ereignisse. Nick Haflingers Rolle besteht unter anderem darin, die Waffen der Regierung gegen sie selbst zu kehren und mit Hilfe eines Computervirus eine Freisetzung aller geheimgehaltenen Daten zu veranlassen. Er handelt nach dem Motto "Die Wahrheit wird euch frei machen!"
Dadurch, daß diese Weisen die Wende in der Gesellschaft zum Besseren hin bewirkt haben (in "Schafe..." gilt das nur mit Einschränkungen), kann der Leser wieder Hoffnung schöpfen - Hoffnung, daß sich die Verschlechterung des Zustands unserer Welt aufhalten läßt, und Hoffnung, daß richtiges Handeln, vom richtigen Verstehen geleitet, möglich und notwendig ist und Erfolg haben kann.
"Richtiges Wissen"?
Das Verständnis für das richtige Handeln ist keinem der Charaktere in diesen Romanen in den Schoß gefallen - Haflinger zum Beispiel wäre fast dabei gestorben (etwa in den Psycho-Labors, wo man ihn verhört, oder in Abgrundsdorf, das beinahe bombardiert worden wäre). Seine Entwicklung führt ihn vom wißbegierigen Forscher, der neues Wissen zum Besten der Menschen einsetzen will, über den Renegaten, der sich hinter unzähligen Rollen geschickt verbirgt, bis zum Revolutionär, der sich zu sich selbst bekennt, der geliebt wird und selbst liebt und der weiß, wo sein Platz in der Gesellschaft ist.
Dieser Weg ist mit Schockerlebnissen gepflastert. Schocks sind bei Brunner sehr häufig zu finden. Sie haben die gleiche Funktion wie die Epiphanie- oder Erleuchtungserlebnisse, die den Figuren in James Joyces Werken widerfahren: ein deutlicher Ruck in die richtige Richtung, heraus aus den gewohnten, bequemen Gleisen, die man bisher körperlich wie auch geistig-seelisch befahren hat. Ein solcher Schock muß nicht mit äußerer oder psychischer Gewalt verbunden sein. Er kann das Ergebnis einer längeren latenten Entwicklung sein - oder einer bewußt unternommenen Anstrengung des Lernens.
Brunners Menschen, die Wissen als ein Instrument zur Machtausübung über die Welt einsetzen, haben sicherlich auch gelernt. So etwa Donald Hogan, Geheimagent der Vereinigten Staaten und trainierter Killer. Er war vor seiner Ausbildung ein sanftmütiger, weltfremder Akademiker, der als "Synthesist" Stücke von Wissen zueinander in Beziehung setzte. Nach seiner Ausbildung besteht sein Hauptwissen darin, wie man am besten einen Menschen tötet.
Menschen, die anderen Menschen helfen, sie aufklären, sie retten, sind Leute wie Chad Mulligan und Nick Haflinger. Wie haben sie ihr Wissen, das stets mit Verständnis gepaart ist, erworben? Warum sind sie nicht größenwahnsinnig, da sie doch viel intelligenter und gewiefter sind, als die Mehrzahl ihrer Mitmenschen ist? Weil sie nicht versuchen, ein Problem oder einen anderen Menschen zu kontrollieren, mit Mitteln, die ihnen traditionelle Werte an die Hand geben - etwa mit Waffen. Und weil sie versuchen, auf ihren Gesprächspartner einzugehen und ihn zu verstehen.
Als der Computer Salmanassar, der beste der "Morgenwelt", sich weigert, Daten über das Land Beninia zu verarbeiten, dreht ihm Chad Mulligan nicht den Saft ab und nimmt einen anderen Computer. Vielmehr bemüht sich Mulligan, zu einem Verständnis von Salmanassars Problem zu gelangen. Nur so gelangt er zu einer verblüffenden Erkenntnis: Salmanassar ist zwar immer noch richtig programmiert, aber ihm erscheinen die angebotenen Daten als zu absurd, als unwahr. Natürlich, jeder normale menschliche Verstand hätte sich ebenso geweigert, an ein "Friedens-Gen" zu glauben. Mulligan bleibt nichts anderes übrig, als den Computer mit einem Override-Befehl zur Weiterarbeit zu bewegen.
Die Leistung Mulligans besteht in dieser Episode nicht so sehr darin, einen Computer zum Weiterarbeiten zu bringen. Ein Anhänger des Positivismus, der nur an objektive Wahrheiten glaubt, hätte ebenfalls einen Override-Befehl geben können. Mulligans Leistung besteht darin, daß er Salmanassar im Grunde als ein menschliches Wesen behandelt hat. Er hat angenommen, daß er vom anderen etwas lernen kann. Im Dialog, der sich zwischen beiden entspinnt, kristallisiert sich dann die Wahrheit über Salïs Problem heraus - aber nur, weil Mulligan bereit ist, Salïs Aussagen zu akzeptieren und seine eigenen Annahmen von ihm korrigieren zu lassen. Ein Techniker oder Positivist könnte dies niemals tun. Erkenntnis und Verstehen resultieren aus der Wechselwirkung von Ich und gegenüber. Erst auf dieser Basis kann "richtiges Handeln" erfolgen.
Zum Beispiel erst dann, wenn sich Nick Haflinger aus der trügerischen Sicherheit seiner tausend Rollen hervorgewagt hat. Mit Hilfe von Kate, die ihn liebt, kann er sich aus der Angst vor dem Gefundenwerden durch seine früheren Arbeitgeber emanzipieren und zu sich und seinen Zielen stehen. Nun kann er, da er mit Kates Hilfe einen Standpunkt gefunden hat, den Kampf gegen die Technokraten der Regierung aufnehmen. Es erlaubt ihm auch, in alternativen Lebensgemeinschaften aufgenommen zu werden: Abgrundsdorf ist eine friedliche Kommune, von früheren Erdbebenopfern, die sich selbst, beinahe autonom, selbst verwaltet. In seinem neuen Leben hier wird er sogar von Menschen gewürdigt, die ihn früher im Namen der Herrschenden gefoltert hatten. Haflinger kann nun endlich begreifen, was technische Rationalität bewirkt: "Wenn es ein Phänomen wie das absolute Böse überhaupt gibt, dann besteht es darin, einen Menschen wie ein Ding zu behandeln."
Richtiges Handeln setzt also Wissen voraus, das Verständnis gepaart ist, Verständnis für das, was anders ist als man selbst, Verständnis für den eigenen Platz in der Gesellschaft und Verständnis für das, was sein sollte. Wer dieses Verständnis besitzt, sieht auch die Notwendigkeit und die Möglichkeit, in diesem Sinne zu handeln. Und wer so handelt, ist bei John Brunner ein "Weiser" (3: So nennt Kate am Schluß von "Schockwellenreiter" Nick Haflinger).
"Alle Regierungen sind korrupt"
Nun wird auch verständlich, warum Brunner gegen jede Form von zentralistischer Regierung ist, wie er zum Beispiel Ernst Petz und mir gegenüber gesagt hat (4). Regierungen, wie sie heute etwa in Europa zu finden sind, brauchen stets einen enormen Verwaltungsapparat, der von technokratischer Rationalität geprägt ist, ja notwendig geprägt sein muß, um überhaupt effektiv arbeiten zu können. Daher können sich nach Brunners Ansicht Vertreter der Regierung und der Verwalter nicht mit dem Verstehen von einzelnen Individuen befassen, vielmehr behandeln sie den Einzelnen oftmals wie ein Ding - mit entsprechenden Folgen.
Humane Gemeinschaften, wie Brunners sie als tolerabel empfindet, dürften im Westen nicht größer als etwa 10.000 Menschen sein. Auf Bali zum Beispiel, bei Menschen mit ganz anderer Mentalität, dürfte diese Zahl höher sein.
Doch Brunner befaßt sich nicht nur mit wünschenswertem Handeln, sondern sehr viel öfter mit dem mißbräuchlichen Einsatz von Wissen. In "Kinder des Donners" (1988) etwa schildert er eine mögliche britische Gesellschaft, die von einem totalitären Regime beherrscht wird, dem wiederum der populistische Diktator General Sir Hampton Thrower vorsteht. Mit nationalistischen, volksverhetzenden Reden und Parolen versteht er es, die intelligenten Leute mit kritischem Verstand bei der Masse des Volkes zu diskreditieren und schließlich auszuschalten. Den Medien fällt hierbei die Rolle des Transmissionsriemens für Throwers Hetzreden und Machtpolitik zu. Brunner sieht die Rolle der englischen Zeitungen während der Thatcher-Ära nicht viel anders.
Aber auch Religion und ihre Institutionen verfügen über enorme Macht beim Einsatz von Wissen. Dort, wo mangelndes Faktenwissen von Glaube ersetzt wird, werden Menschen manipulierbar und Andersdenkende ausgrenzbar. Brunner zählt den frömmelnden Glauben der heutigen Kirchen, wie einst der englische romantische Dichte Percy B. Shelley, für das "verdorbenste Kind unserer Zeit" (5). In dem Roman "Schnittstelle" (1987) sind die unerklärlichen Vorgänge in einem englischen Dorf schlicht und einfach Teufelswerk für den örtlichen Pfarrer, wohingegen die angereisten Hippies auf den Gedanken abfahren, es handle sich hier um das Werk alter, mystischer Kräfte. Brunner meint in diesem Zusammenhang:
"Die naheliegendste Annahme für schlechtinformierte Menschen, wenn sie mit etwas konfrontiert werden, das sie nicht verstehen, ist, daß es sich hierbei um etwas handeln müsse, das jenseits des menschlichen Geistes liegt, daß da etwas Übergeordnetes, Übernatürliches dahintersteckt. Das ist eben falsch:
Dabei liegt es nur jenseits ihres Geistes, ihres Wissens. Erst nachdem mein Journalist in dem Buch, Dan Prosher, die Wahrheit herausfindet, oder was der Grund gewesen sein könnte für diese unerklärlichen Vorgänge, und nachdem er das den Leuten dann erklärt hat, die natürlich sehr verstört sind, erst dann erkennen sie, daß sie durchaus in der Lage hätten sein müssen, selbst herauszufinden, was passiert ist und warum. Die meisten Menschen sind ganz einfach - zu faul." (6)
Brunners Leser und Brunners Utopie
Ist demnach also Brunners Leser für ihn ebenso "faul" im Denken und Überlegen? Wahrscheinlich. Und das ist gar nicht mal so unrealistisch. Aber statt nun in Resignation verfallen zu sein, ist es Brunners Verdienst, zu hoffen und aufrütteln zu wollen. Für diesen Befund sprechen mehrere Gründe.
1) Mit und in seinen vier Dystopien aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren stellte Brunner Warnschilder für die Gesellschaft, in der der Leser lebt, auf:
"I am a writer of fiction, and other things, and my concern here was to create a convincing future world from the myriad possibilities we see before us (...). I might, though, be regarded as a "dystopian", I suppose: one of those people who feel it their duty to put up warning signs saying DO NOT GO THIS WAY. (...) I find I cannot help believing that owing to such factors as our own increased ability to destroy our creations, or ourselves, survivability is nowadays infinitely more difficult because less under one's own control." (7).
Damit der zeitgenössische Leser die Warnungen für sich ernst nehmen kann, muß noch eine Bedingung erfüllt sein: "the consideration of the future we ourselves can expect to see" (8). Die Lebenszeit des Lesers muß also Zeitraum der Szenarien in diesen Romanen betroffen sein. Brunner hofft also auf erhöhte Relevanz und Wirkung seiner "Warnschilder". Er geht also von einem Leser aus, der den Lauf seines Lebens selbst bestimmen kann, also freien Willen hat und Urteilskraft genug, um aufgrund von Einsichten zu handeln. Es ist ein geschichtsmächtiger Leser.
2) Die Geschichte verläuft für Brunner linear in eine Richtung, egal ob zum Guten oder Schlechten der Menschen. Das ist ein großer Unterschied zu dem zyklischen Geschichtsbild, das in Walter M. Millers berühmtem Post-Holocaust-Roman " Lobgesang für Leibowitz" (1960, als Stories 1955-57) vertritt. Die Entwicklung der Technik nach dem Atomkrieg führt wieder zur atomaren Vernichtung der Erde. Im Vergleich hierzu sind selbst Romane wie "Schafe blicken auf", in dem die USA niederbrennen, optimistisch und stets mit Happy-Ends versehen. Brunners Bücher rufen zur Hoffnung auf.
3) Allerdings sieht er ein, daß es verdammt schwer sein kann, Leser, die der Apathie des Alltags verfallen sind, aufzurütteln, geschweige ihnen eine recht komplexe Botschaft zu übermitteln. In den vier Dystopien verfolgt er deshalb eine spezielle Strategie der literarischen Vermittlung, die er von John Dos Passos' USA-Trilogie abgeschaut hat: die bekannte Schnipsel-Technik. Kurze Kapitel von traditioneller Erzählweise wechseln in rascher Folge mit Einschüben von halbdokumentarischem Charakter: Zeitungs- und Fernsehmeldungen, Graphitti, Sprechchöre, Beipackzettel, Todesanzeigen u.v.a.m. bilden den Hintergrund der Welt, vor dem sich die dramatische Handlung mehrerer Charaktere abspielt. Zeitungen, Fernseh- und Radiosendungen - das sind vertraute Medieninformationen für den Leser, und so soll er sie, wenn es nach Brunner geht, auch aufnehmen.
Damit aber der Leser nicht mittendrin "abschaltet", sind in die Meldungen etliche Haken eingebaut, Haken von unbekannter und merkwürdiger Bedeutung, die der Leser erschließen kann und soll, wenn er das Gesamtbild der dargebotenen Welt erfassen will. Diese Haken kann man "explorative Rätsel" nennen, denn mit ihrer Auflösung erschließt sich ein bestimmte signifikante Erkenntnis. Der Ausdruck "whaledreck", ein Wort wie "Scheiße", ist so ein Beispiel, oder auch "anti-matter" als Übersetzung von "a.m.", der alten Abkürzung für "ante meridiem", Vormittag. "Whaledreck" läßt sich in der "Morgenwelt" ohne weiteres sagen, weil die Wale nämlich längst ausgerottet sind. Und "anti-matter", Antimaterie, klingt auch nicht besonders umwelt- oder menschenfreundlich.
Der Leser - und man kann annehmen, auch viele der Romanfiguren - wird als Fernsehkonsument gesehen. Deshalb sind die Romane "Morgenwelt" und "Schafe blicken auf" als Fernsehstoffe, als Übertragungen angelegt, oder gar als Film. Darauf weisen Titel wie "Continuity" (die Skriptüberwachung und der Rote Faden beim Film) und "Tracking with Closeups" (Verfolgen mit Nahaufnahmen) hin. In "Schafe blicken auf" erfüllt das Fernsehen eine zentrale Rolle als Informationslieferant. In "Morgenwelt" können sich Zuschauer mit Hilfe eines speziellen Geräts als Mr & Mrs. Everywhere selbst im TV betrachten, wie sie die Traumziele der Welt besuchen: virtuelle Realität des Jahres 2010.
4) Die sicherlich nicht ganz einfache Lektüre der so erzählten Romane Brunners liefert keine vorgefertigten Meinungen, Werte oder gar Weltanschauungen. Vielmehr erfordert sie vom Lesers aktives Mitdenken, um sich über die Bedeutung des Erzählten klar zu werden und um das Buch als Ganzes beurteilen zu können. Die Lektüre ist ein kognitiver Akt. Brunners Büchern erziehen zum Einsatz von Wissen als Kritik, nicht als Technik. Dies ist die eigentliche Utopie Brunners: daß es möglich ist, Menschen hinzuführen zu einem verantwortungsvollen Handeln und Denken, indem er sie kritikfähig macht mit Hilfe seiner Bücher.
Zum Schluß eine Bitte:
Die Romane "Morgenwelt", "Das Gottschalk-Komplott" und "Der Schockwellenreiter" enden mit einem mehr oder weniger gelungenen Happy-End. Bei "Schafe blicken auf" kann man sich nicht sicher sein: Die Vereinigten Staaten werden in einem riesigen Brand zerstört, annähernd 200 Millionen Menschen sterben. Kann das auch ein Happy-End genannt werden, vielleicht in einem ökologischen Sinne? Entscheiden Sie!
*****
Endnoten:
(1): S. 335f. in Heyne SF 06/3617, 8. Aufl./1989
(2) Ich sage "auftreten", weil er manche seiner Weltentwürfe explizit als "Bühnen" oder "Fernsehereignis" betrachtet. Im Nachwort zur deutschen Ausgabe von "The Jagged Orbit" ("Das Gottschalk-Komplott", Moewig 1985) empfiehlt er dem Leser, Romane wie "Morgenwelt", "Schafe blicken auf" und "Das Gottschalk-Komplott" wie zeitungsberichte zu lesen.
(3) So nennt Kate am Schluß von "Schockwellenreiter" Nick Haflinger.
(4) Vgl. das Interview in Solaris (s.d.) und das von Ernst petz in "Heyne SF Jahr 1991", HSF 06/4760.
(5) Petz, a.a.O., S. 431
(6) Petz, a.a.O., S. 426
(7) "The Genesis of 'Stand on Zanzibar' and Digressions", J. Brunner in: Extrapolation 11, USA, 1969.
(8) ebenda
Michael Matzer (c)1992ff
Zuerst erschienen in "Solaris 1", 1992, Thomas Tilsner Verlag, Bad Tölz