Das PC-Spiel "Blade Runner" reproduziert die Welt des Kultfilms in jedem dreidimensionalen Detail; auch die Musik von Vangelis - wenn auch mit einem anderen Komponisten - und das Setting wurden nachgebildet. Im Los Angeles des Jahres 2019 regnet es ständig, und die Stadt ist erfüllt von schmutzigem Ghettoleben - mit einer Ausnahme: die Pyramide der allmächtigen Tyrell Corporation schwebt wie ein Olymp über der Metropole. Tyrell entwirft bekanntlich Replikanten, also Androiden, die Menschen bis ins letzte Detail ähnlich sehen.
Die Prämisse der Handlung des Spiels ist, daß sechs Nexus-6-Replikanten von einer der Kolonialwelten entkommen sind, einen Mondbus gekapert und alle Insassen getötet haben, bevor sie zur Erde kamen, um von Tyrell wertvolle Erbsubstanz (DNA) zu stehlen. Die Substanz wollen sie in einem eigenen Labor dazu verwenden, ihr Leben zu verlängern (es dauert nur vier Jahre) und sich eine Zukunft zu schaffen. Irgendwie verständlich, nicht?
Der Spieler kann sich heraussuchen, ob er ein replikantenhassender Blade Runner namens Ray McCoy sein will, mit ihnen sympathisiert oder gar selbst ein Replikant sein will. Das sollte man sich aber vorher gut überlegen! Denn umgekehrt gilt auch, daß ein Replikant nicht sicher sein kann, ob die Kontaktperson ein Mensch oder ein Androide ist, ein Freund oder ein (lügender) Feind. Selbst Rachael, die wieder von Sean Young gespielte wunderschöne Androidin, weiß nichts über ihre Künstlichkeit - Meister Tyrell selbst hatte sie ja mit gefälschten Erinnerungen ausgestattet, wie Filmfans wissen. Der Spieler, egal in welcher Rolle, bewegt sich somit in einem Treibsand unsicherer Annahmen, die aber wesentlich zur Spannung beitragen.
Das Spiel ist der Realität angenähert: Jede Information, jede Person, die der Spieler kennenlernt, verändert den weiteren Verlauf der Handlung. Daher kann das nächste Spiel niemals das gleiche wie das vorhergehende sein. So möchte man natürlich gerne ewig weiterspielen. Man könnte sogar aus Zufall bei Todesfällen dabeisein, die Rick Deckard im Film gar nicht erklärt, die aber nun eine eigene wichtige Bedeutung erhalten können.
Doch der Treiband der Beliebigkeit von Annahmen wird eingedämmt durch die Hilfsmittel des Blade Runners. Neben dem Voight-Kampff-Test und dem ESPER-Bildanalysator ist die unverzichtbare Schatztruhe jedes Adventure-Spiels die Informationsdatenbank. KIA, eine Art Expertensystem (AI), speichert Auskünfte, Hinweise, Querverweise, Daten, Gegenstände, die man benutzen und abfragen kann, etwa um Widersprüche aufzudecken oder um Gesprächspartner zu "motivieren". Sie gibt sogar Tips zur Interpretation von Hinweisen und gibt an, wie wahrscheinlich es ist, daß eine Person ein Replikant ist - Sie wollen doch nicht aus Versehen einen Menschen erschießen, oder?
"Blade Runner" ist nicht nur ein Spiel - es ist ein Film und ein Simulator. Man möchte immer wieder in diese Welt zurückkehren.
Michael Matzer (c)1997ff
Info: Originaltitel: Blade
Runner; Westwood/Virgin
Interactive, 11/97, 99 Mark,
für Windows 95; www.bladerunner.com