Nachruf: John Brunner (1934-1995)

Die Nachricht von seinem Tod kam unverhofft. Einer der Großmeister war auf dem WorldCon in Glasgow verstorben. An was genau, ist nicht bekannt. Manche sprechen von Herzversagen, andere - so etwa W. Jeschke - vermuten Gehirnschlag. Wie auch immer: Einer der Großen in der SF ist gegangen – ein Verlust nicht nur für die europäische Literatur, sondern für die ganze Weltliteratur. Denn John Brunner hat nicht zeit seines Lebens lediglich "galaktische Abenteuergeschichten" ("Der Spiegel") oder düster-warnende Dystopien geschrieben. Er verfaßte zahlreiche Gedichte, Essays, Kriminal- und Fantasyromane. Seine Fabeln erschienen mir stets von Weisheit und Humor erfüllt.

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh "brennend" für Science Fiction, wie er in seiner Selbstdarstellung "The Development of a Science Fiction Writer" schreibt. Schon am College, mit 17, verfaßte er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, "die heute glücklicherweise vergessen ist", wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich "über Wasser zu halten", wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu weren, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte dort 1958 seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, daß sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag "Ace Doubles" genannten Billigromane, in erster Linie "Space Operas" im Stil der vierziger jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben., verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen fertigkeit auf vielen gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte und die es ihm eigentlich erst möglich erscheinen ließ, sich an ein so gigantisches Projekt wie den 650-Seiten-Roman "Stand on Zanzibar" (1968) mit seinem Dutzend verschiedener "Stimmen" zu wagen. Das Buch erhielt den HUGO Award der amerikanischen Leser, den British SF Award der britischen und den Prix Apollo der französischen Kritiker.

Es dauerte fast zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: "The Jagged Orbit" (deutsch 1982 unter dem Titel "Das Gottschalk-Komplott" bei Moewig und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei Heyne erschienen). Bildeten in "Stand on Zanzibar" die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende problem, so ist die thematische Basis von "The Jagged Orbit" die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhaß und vor allem in Paranoia jeder Art äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor anzuempfehlen.

Nach einem Zeitraum von fast vier weiteren Jahren – die wie zuvor mit dem Überarbeiten und Neuschreiben von SF-Romanen auf Unterhaltungsniveau ausgefüllt werden mußten, um Geld zu bringen – erschien 1972 in der Reihe der Dystopien der Roman "The Sheep Look Up" (deutsch 1978 als "Schafe blicken auf" bei Heyne). Darin bildet der Themenkomplex der totalen Umweltzerstörung in Amerika, die zu dessen Selbstvernichtung führt, und ihres Exports in die Dritte Welt durch multinationale Konzerne das zentrale Problem. Um dieses Generalthema ranken sich – ähnlich wie in "Stand on Zanzibar" und "Jagged Orbit" – zusammenmontierte Handlungslinien, die besonders von den gegnern der Zerstörung getragen werden.

In seiner auf den emotionalen Schock abzielenden Kompromißlosigkeit der darstellung der nahen Zukunft ist "Sheep Look Up" John Brunners pessimistischstes Buch überhaupt. Seine fiktional erhobene Forderung, Amerika müsse abbrennen, führte dazu, daß er ebendort kaum mehr Bücher verkaufte – für jeden SF-Autor englischer Zunge eine wirtschaftliche Katastrophe. Spätere Romane wie "The Shock Wave Rider" (1975; als "Der Schockwellenreiter" bei Heyne) warten zumindest mit einer Möglichkeit der letztendlichen Besserung der Lage oder sogar mit einer ausgestalteten Utopie auf: so etwa m.E. der Roman "The Crucible of Time" (1983; als "Gußform der Zeit" bei Heyne). Hier kann ein von der zerstörung durch einen Meteoritenschwarm bedrohter Planet von seinen – fastmenschlichen – Bewohnern dank deren Findigkeit in technischen Dingen verlassen werden. Hier wird Wissen bzw. Erkenntnis in einem langen Prozeß in kollektives gesellschaftliches handeln umgesetzt – ein wünschenswertes Vorbild für unsere eigene Welt.

Wie Brunner 1969 über "Stand on Zanzibar" sagte, versuchte er nur, plausible und für die gegenwartswelt wahrscheinliche Entwicklungen aufzuzeigen, sie extrapolierend bis zum (manchmal bitteren) konsequenten Ende voranzutreiben:

"(...)I am a writer of fiction, and other things, and my concern here was to create a convincing future world from the myriad possibilities we see before us (...). I might, though, be regarded as a ‚dystopian‘, I suppose: one of those people who feel it their duty to put up warning signs saying DO NOT GO THIS WAY. (...) I find I cannot help believing that owing to such factors as our own increased ability to destroy our creations, or ourselves, survivability is nowadays infinitely more difficult because less under one’s own control."

"I regard this to be central [for the nature of the science fiction novel]: the cinsideration of the future we ourselves can expect to see" – ein Satz, wie er programmatisch ist für Brunners zugrundeliegende Einstellung zur Aufgabe der SF, wie sie sich in seinen dystopischen Romanen niederschlägt.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte 1993 den satirischen Roman "Muddle Earth" (1996 als "Chaos Erde" bei Heyne erschienen; Nachwort von H. Pukallus), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romansprojekts ist es nicht mehr gekommen – es wäre müßig, über die Gründe dafür zu spekulieren, die durchaus im privaten Bereich liegen mochten.

John Brunner wird uns immer als der Autor von "Stand on Zanzibar" und "Sheep Look Up" in Erinnerung bleiben: als ein großer engagierter Erzähler und ein Mensch, der neue, eindringliche Warnschilder aufgestellt hat.

Michael Matzer ©1995ff, 2000ff

(sfm #124, 23.12.95)

 

www.matzer.de/SFF/
www.carpe.com/buch/