Robert Silverberg: Über den Wassern

Wer möchte behaupten, es gäbe in der Bibel keine guten Geschichten? Die Stories werden selbst jetzt noch gerne als Vorlage hergenommen. Besonders gefallen sie Robert Silverberg. In seinem Roman "Über den Wassern" verwendet er das Thema des Sündenfalls mit der anschließenden Vertreibung aus dem Paradies. Was er daraus gemacht hat, führt zu einer recht nützlichen Erkenntnis.

Auf der vollständig von einem Ozean bedeckten Welt Hydros leben seit etlichen Generationen menschliche Siedler auf großen, schwimmenden Inseln, die durch die Meere treiben. Jede Insel beherbergt rund 50 bis 70 Bewohner, die mehr schlecht als recht vom Meer leben. Sie alle werden geduldet von der dominanten einheimischen Lebensform, amphibischen Lebewesen, mit denen nur ganz wenige Menschen Freundschaft schließen können, Menschen wie die Hauptperson des Buches, Val Lawler, ein Inseldoktor. Als jedoch ein Siedler eines Tages delphinartige, intelligente Wesen fängt, gefangenhält und dadurch tötet, bedeutet dies den Sündenfall für das Inselvolk - die Menschen haben das ungeschriebene Gesetz des Schutzes intelligenter Arten gebrochen. Die Herren der Insel, die Amphibien, verbannen sie.

Wie einst Kolumbus begeben sich die paar Dutzend Leute in ein paar Nußschalen von Segelschiffen auf Fahrt über die grenzenlose Wasserwüste. Von vermeintlich befreundeten Inseln werden sie abgewiesen, weil die selbst nicht genug zu essen haben. Dadurch und weil sie von gefährlichen Meereskreaturen angegriffen werden, wobei es Opfer gibt, sinkt die Moral der Schiffsbesatzungen allmählich bis zu dem Punkt, an dem die menschlichen Eigenarten am deutlichsten hervortreten. Bei der Beschreibung der Charaktere und ihrer oft ans Irrationale grenzenden Handlungen erweist sich Silverberg als wahrer Meister. Fast fühlt man sich an Bord eines der Schiffe versetzt, wenn der Erzähler den Moment der Erkenntnis schildert, als klar wird, daß der Kapitän wie einst Kapitän Ahab einen Kurs eingeschlagen hat, der geradewegs ins Verderben führen muß - dort liegt nur das sagenhafte Land des "Gesichts über den Wassern", Tausende von Seemeilen entfernt, doch laut Kapitän ihre einzige Rettung.

Angesichts des Todes oder einer fadenscheinigen Hoffnung brechen harte Konflikte auf. Der verhinderte Missionar predigt (= Glaube), Lawler hält mit wissenschaftlichem Denken (= Verstand) dagegen, während der Kapitän als Mensch der Tat den dritten Pol des menschlichen Charakters repräsentiert. Und die Liebe? Natürlich sind auch Frauen an Bord, und eine, Pilya, fühlt sich von Lawler angezogen, verschmäht aber, enttäuscht von dessen Zurückhaltung, auch andere Liebhaber nicht. Lawler trauert seiner Vergangenheit nach, seinem vorbildhaften Vater, aber auch der versunkenen Kultur der Erde - Relikte dieser Kultur bewahrt er wie Reliquien auf. Seine schmerzhafte Melancholie betäubt er mit einer Droge, bis sein Vorrat davon zuende geht.

Dann ist endlich das mysteriöse "Gesicht über den Wassern" erreicht, und eine unbekannte geistige Macht bemächtigt sich der Überlebenden. Manche springen von Bord, gehen an Land und kehren geistig völlig verändert wieder, nur um auch die restlichen Gefährten an Land zu rufen. Es ist eine Szene aus Homers "Odyssee": das Stranden auf der Insel der Sirenen. Einer nach dem anderen folgt dem unwiderstehlichen Ruf der Macht, und wie sich herausstellt, werden die Willigen zu Teilen einer kollektiven Intelligenz, die den ganzen Planeten umspannt: einer Art Gäa.

Nur Lawler widersteht, der Verstandesmensch. Zusammen mit Pilya, seiner Geliebten, kehrt er der verlockenden Insel den Rücken, um auf eigene Faust eine Existenzgrundlage zu finden, auch wenn die Chance winzig ist. Doch er kehrt nach wenigen Tagen wieder um, überredet von Pilya, die in der Insel, der Planetenintelligenz, eine gänzlich andere Hoffnung auf einen Neuanfang sieht: Sie ist fähig zu der Erkenntnis, daß Leben Veränderung braucht, um bestehen zu können. Doch der Unterschied zu normalen - körperlichen - Veränderungen liegt eben darin, daß die Insel das Bewußtsein in komplett neue Bahnen lenkt: Das Ich, der König des Verstandes, hat abzudanken. Und Lawlers Ich, das sich durch das Klammern an die Erinnerungen an die Erde, an das Mensch-Sein, definiert hatte, wird durch das Abdanken erst zu dem, was es eigentlich von Anfang an auf dieser Welt gewollt hatte: heimisch werden. Erst mit der Eingliederung in die Gäa-Intelligenz findet der frühere Mensch seine Heimat auf dieser vorher stets fremden Welt.

Der Kreis schließt sich: Erst nachdem der Mensch sich ganz weit von sich und seiner "Normalität" entfernt hat, gelangt er auf einer anderen Welt, wo er "alien" ist, zu seiner neuen, eigentlichen "nicht-alien"-Identität.

Und wir, heute? Wenn es Gäa gibt, dann sind wir schon längst die Aliens auf ihr, mit voller Power dabei, sie zu vernichten. Mit ihr im Bewußtsein eins zuwerden, ist unsere letzte Chance, auf ihr zu überleben. Dieser ökologische Gedanke wird von Silverberg angewendet auf die Charakterausformungen, die in uns vorhanden sind: als Mensch des Glaubens, des Verstandes, der Liebe und der Tat. Er zeigt, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit der Gedanke umgesetzt werden kann und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Silverbergs Roman hat einen epischen, d.h. langen Atem. Der Erzähler ist selbstbewußt, selbstsicher: Er nimmt den Leser bei der Hand und führt ihn, auch wenn manche vermeintlichen Längen auftauchen, sicher bis zu seinem verblüffenden, erkenntnisreichen Ziel. Action ist, obwohl ausreichend vorhanden, weniger angesagt als stetige Veränderung im Innern der Figuren - der Beweis für ein reifes Alterswerk.

Michael Matzer (c) 2000ff

Info: The face of the waters, 1991; Heyne SF 06/4973, München, 1995; 526 Seiten, DM 14,90, aus dem amerikanischen Englisch v. Roland Fleissner, ISBN 3-453-?

 

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