Das weibliche Prinzip

Pierre Benoit: Die Königin von Atlantis

Der Franzose Pierre Benoit wurde 1886 im südfranzösischen Albi geboren und starb 1962 in St. Jean de Luz. Er schrieb eine Menge spannender Abenteuerromane, die sofort populär, in zahlreiche Sprachen übersetzt und teils auch verfilmt wurden. Die handlung seiner Bücher kreist häufig um geheimnisvolle Orte oder sagenumwobene Gegenstände wie etwa einen geheimen Raum mit der Leiche eines Verschollenen in "Königsmark" oder dem Heiligen Gral in "Montsalvat". "Die Königin von Atlantis", erschienen 1919, ist Benoits bekanntester Roman und wurde viermal verfilmt.

Handlung

Hintergrund des Geschehens ist die französische Kolonialherrschaft in Nordafrika. Der Oberleutnant André de Saint-Avit und der Hauptmann Jean-Marie-Francois Morhange, ein Armee-Geograph und Gelehrter, unternehmen einen Erkundungsritt in das nordafrikanische Hoggar-Massiv. Als sie vor einem Unwetter Schutz suchen, entdeckt Morhange in einer Höhle eine geheimnisvolle Inschrift, die in den Schriftzeichen der Tuareg den griechischen Namen Antinea bildet.

Während des Unwetters retten sie einem alten majestätischen Tuareg (zutreffender: Targi) das Leben, der verspricht, Morhange zum Dank weitere Höhlen mit Inschriften zu zeigen. Schließlich finden sich die beiden Offiziere in einem unheimlichen Palast im Innern eines hohlen Berges wieder.

Begeistert entdeckt Morhange eine gigantische Bibliothek, verwaltet von einem greisenhaften Männchen, dem französischen Universitätsdozenten Le Mesge. Er erklärt den beiden Besuchern, daß sie sich in der Gewalt Königin Antineas befinden, die alle Männer haßt und einen tödlichen Zauber auf sie ausübt. Auch sie würden nicht verschont werden.

Fazit

Interessant ist zunächst einmal Benoits neuartige Atlantis-Theorie, nach der das Inselreich, das Plato erwähnte, nicht völlig im Meer versunken, sondern teilweise durch Bergauffaltungen angestiegen und sich in der Sahara als Felsmassiv verfestigt haben sollte.

Abgesehen von der aufregenden Genealogie Königin Antineas, die sich direkt vom Meeresgott Poseidon herleitet, fesselt den Leser auch der ungewöhnliche Zuschnitt ihres Reiches, eine Mischung aus archaischen Formen mit Felshöhlen und wilden Tieren und modernistischem Plüschpomp der Jahrhundertwende - Benoits ganz persönliche Note.

Antinea selbst ist eine Verkörperung des weiblichen Prinzips, der Jung'schen Anima. Sie entspricht der SIE ("Ayesha") bei Henry Rider Haggard und zahlreichen femmes fatales bei Abraham Merritt. Möglicherweise verkörperte sie die Furcht der Männer vor dem Aufstieg der Frauen ihrer Zeit zu Einfluß - sie erhielten das Wahlrecht! - und Einfluß (Eleanor Roosevelt, Amelia Earhart, die Filmgöttinen). Die übermächtige Frau ist aber auch ein Vorwand, um die Verantwortung des moralischen Prinzips, des Geistes an ältere Mächte abzugeben - an die des Fleisches und der Gefühle, an die der - Rasse gar? Und wir wissen aus leidvoller Geschichte, wohin diese Sehnsucht führte.

Michael Matzer © 2000ff

Info: L'Atlantide, 1919; S. Fischer TB 1986, Nr. 2720, Frankfurt/M.; 242 Seiten, DM 10,80, aus dem Französischen übertragen von Widulind Clerc-Erle; ISBN 3-596-22720-8

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