Ishis
Enkel
George R. Stewart:
Leben ohne Ende
Stewart
lebte von 1895 bis 1980, also sehr lange. Von 1923 bis 1962 lehrte er als
Professor für Englisch an der Universität von Kalifornien in Berkeley bei San Francisco.
Er schrieb mehrere Mainstream-Romane und Sachbücher, doch "Earth
Abides", das 1949 erschien, ist sein einziges Werk, das sich der Science
Fiction zurechnen läßt. Es ist einer der besten Katastrophenromane überhaupt
und wurde 1951 mit dem International Fantasy Award ausgezeichnet. Weitere
Katastrophenromane von Stewart sind "Storm" (1941) und
"Fire" (1948).
Handlung
Die
Erzählung beginnt mit einem Paukenschlag: Durch das Radio kommt die Meldung,
daß die US-Regierung ihres Amtes enthoben worden sei. Die Zivilisation liegt im
Sterben. Nach Ankündigung dieses Weltereignisses reduziert der Autor jedoch das
Geschehen auf das Erleben eines einzigen Mannes, der die Katastrophe gar nicht
bewußt miterlebt. Dieser junge Mr. Isherwood, kurz Ish genannt, zur Zeit der
Katastrophe krank, reimt sich erst später bröckchenweise den Verlauf der
Tragödie zusammen. Eine neue Seuche hat plötzlich die Erde heimgesucht und die
Menschen dahingerafft. Nur einige wenige, aus unbekanntem Grund immun gegen den
Virus, haben überlebt. Nach der These des Autors war die Seuche die Antwort der
Natur auf die zu große Zahl der Menschen, auf ihre dominante Position.
Ish, ohnehin
ein Einzelgänger, findet sich erstaunlich schnell in dem neuen Leben zurecht.
Er nimmt sich einen herrenlosen Wagen und fährt damit von San Francisco aus
durch leere Städte und über ausgestorbene Landstraßen bis nach New York. Einige
Menschen trifft er unterwegs schon, aber sie sind alle nicht von der Art, wie
er sie sich als zukünftige Gefährten wünscht.
Zurück in
San Franscico findet Ish dort schließlich eine Frau, die mit ihm alle
Beschwernisse erträgt und ihnen mehrere Kinder gebiert. Später stoßen ein paar
weitere Menschen zu den beiden, die sich mehr oder weniger gut an die neuen
Frontier-Verhältnisse anpassen können. Auch ein Scheinheiliger taucht auf, der
eine Katastrophe herbeiführt. Man richtet sich so gut es geht ein, gewöhnt sich
an das Unabänderliche. Aus den wenigen Menschen und ihren Kindern wird
schließlich ein Stamm, der hauptsächlich von der Jagd auf das zahlreicher
werdende Wild lebt.
Kinder und
Enkelkinder wachsen heran, die ersten Alten sterben, darunter Ishs Frau. Ishs
Traum, die Zivilisation zu erhalten, erweist sich als undurchführbar. Der Stamm
wird größer und dabei primitiver, und Ish ist bald ein Greis, ein Methusalem,
der alle Freunde überlebt hat. Als letzter der Alten stirbt auch er, aber er
nimmt die Genugtuung mit sich, daß er dem Stamm nicht nur Pfeil und Bogen
geschenkt hat, sondern daß auch der Tiefpunkt des Rückschritts überwunden ist.
Nach dem Requiem folgt die Renaissance (Wiedergeburt).
Fazit
Der Roman
beeindruckt durch seine erzählerischen Qualitäten und ausgeprägte Charaktere.
Die hinter der Handlung steckende und gelegentlich auch ausformulierte These
vom zwangsläufigen Untergang der menschlichen Kultur (ähnlich wie in Walter M.
Millers Klassiker "Lobgesang auf Leibowitz", ca. 1952) auf dem
Höhepunkt der Entwicklung ist irrational, drückt aber mit ihrer
Zivilisationsmüdigkeit den Zeitgeist nach dem Zweiten Weltkrieg aus, in dem die
ersten Atombomben fielen.
Ishs Name
ist nicht das Ergebnis von auktorialer Willkür oder des Zufalls. Er ist
vielmehr ein direkter Verweis auf die historische Gestalt von Ishi, dem letzten
Indianer Kaliforniens, der in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts berühmt
wurde, weil er der letzte lebende Vertreter seines Stammes (!) war, ebenso wie
Ish der letzte lebende Vertreter jener Zivilisation ist, die die Welt seines
Namensvetter vernichtete -- ein später Akt der Gerechtigkeit, den Lebenden zur
Mahnung? Das Buch "Ishi in Two Worlds" (1961) der berühmten Mutter
von Ursula K. LeGuin, Theodora Kroeber (1897-1979), kann als Ergänzung dienen.
In seiner
wunderbaren langen Vision, seiner vielschichtigen Erzählung, seinem elegischen
Ton zählt "Leben ohne Ende" mit Sicherheit zu den besten
Post-Holocaust-Roman überhaupt.
Michael
Matzer © 2009ff
Info:
Earth Abides, 1952; Heyne 1982, Nr. 06/10, München; 415 Seiten, DM 7,80, aus
dem US-Englischen übertragen von Ernst Sander; ohne ISBN .
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