Michael McCollum
Die Lebenssonde - Antares erlischt - Die Wolken des Saturn
McCollums Romane stellen quasi wissenschaftliche Experimente an: Der Autor beobachtet und erzählt die Auswirkungen, die eine unvorhergesehene äußere Einwirkung auf ein gesellschaftlich-kutlturelles System haben kann, das sich in einem dynamischen Gleichgewicht befindet. Sobald der "Eindringling" auftritt, nähert sich der innere Zustand des betroffenen Systems also einer Krise, in der sich entscheidet, ob es sich negativ (Zerstörung) oder positiv (natürliches Wachstum) weiterentwickelt. Von daher stellen McCollums Romane eine interessante Lektüre für jeden (natur-) wissenschaftlich Interessierten dar, kurzum: klassische Science Fiction.
In "Lebenssonde" schicken Angehörige einer fremden Intelligenz, der "Schöpfer", auf der Suche nach dem Wissen um den Überlichtantrieb Tausende von Sonden in die Galaxis aus. Eine davon stößt auf unser Sonnensystem im Jahre 2065 und beginnt, die dominierende "intelligente Lebensform" zu studieren, ja sogar ein geistiges Alter ego nach dem Vorbild der Menschen zu konstruieren. Auf der Erde herrscht unter der Regierung der UNO ein zerbrechlicher Friede, streng überwacht von den UNO-Truppen, auch im Sonnensystem. Nur die Panafrikanische Union schmiedet Umsturzpläne...
Nach einer Weile entdecken Raumfahrer wie Wisenschaftler gleichermaßen interessante Aspekte an dem rasch in das System eindringenden Flugkörper - ein spannende Phase im Roman. Es kommt zur Annäherung und zu Verhandlungen. Die Sonde will instandgesetzt werden, um zu einer Zivilisation mit Überlichtantrieb, die sie entdeckt hat, weiterfliegen zu können. Im Gegenzug erhält die Erde das Wissen der "Schöpfer", z.B. über den effizienten Umgang mit Schwarzen Löchern. Die Panafrikaner befürchten jedoch durch die Verwertung dieses Wissens eine Stärkung der "Kolonialmächte" des Nordens und sabotieren die Verhandlungen. Als das Komplott auffliegt, zerstören sie die Sonde mit eigenen, verbotenen Singularitäten. Nur das Alter ego der Sonde "überlebt" und mit ihr das Wissen der Schöpfer. Happy end, auch einer Liebesgeschichte: Der Held und die Heldin fliegen mit einem neuen Generationenraumschiff zu jenem Stern, wo die Sonde die andere Zivilisation entdeckt hatte. Der Roman hat alles, was ein guter Star-Trek-Roman auch hat, aber noch ein wenig mehr: McCollum nimmt die diffizilen politisch-kulturellen Unterschiede auf der Erde ernst und macht sie zu einem treibenden Element bei der Herbeiführung der Krise.
In "Antares erlischt" hat zum Zeitpunkt der erzählten Handlung vor 200 Jahrhundert Jahren die Supernova-Explosion der Sonne Antares die Raumzeitstruktur des von Menschen besiedelten Raums verändert: Alte Sprungpunkte verschwanden und isolierten Kolonien, neue Sprungpunkte tauchten auf und verbanden den Menschenraum mit dem von feindseligen Aliens. Die Pkysik dieses Phänomens weiß der Autor anschaulich zu erklären.
Nach 200 Jahren Isolation macht sich eine Expedition über einen wiederhergestellten Sprungpunkt auf den Weg in den Antares-Raum. Was sie findet, ist lediglich Zerstörung, die die Nova hinterlassen hat. Beim Weitersprung in ein Nachbarsystem gerät die Expedition mitten in den Krieg mit den Aliens und hilft sogar, eine Schlacht zu gewinnen. McCollum ist zwar nicht Militarist, aber zweierlei haben alle seine Romane gemein: eine (gewonnene) Raumschlacht und eine romatische Liebe mit Happy End. Dazwischen sind Abenteuer und Expeditionen angesiedelt, erklärt durch die jeweils relevante physikalische Theorie. Die Mischung funktioniert und gefällt, solange man an den Stil keine allzu hohen Ansprüche stellt.
Das Gesagte gilt auch für "Die Wolken des Saturn", den jüngsten Roman des Trios (von 1993). Diesmal hat die allmähliche Ausdehnung der instabil gewordenen Erdsonne die Menschen vertrieben. Sie wanderten allesamt in das System des Riesenplaneten Saturn aus, wo sie sich sog. Wolkenstädte erbauten, die zwischen den Wolken der oberen Atmosphäre wie Ballons schweben. Sowohl die Physik als auch die aus dieser Lage resultierende Kutlur sind verblüffend detailliert geschildert.
200 Jahre nach dem Exodus hat sich die Hegemonie der Nördlichen Allianz zahlreiche selbständig gewesene Städte einverleibt. Unter den Kriegsopfern ist auch der Bruder des Söldners Larson Sands, der Hauptfigur. In seinem Bestreben, der Allianz eins auszuwischen, läßt er sich unwissentlich von der Allianz-Fraktion der Militaristen zunächst für einen Raunbzug gegen die Allianz-Hauptstadt engagieren, nur um dann übers Ohr gehauen zu werden. Nach seiner knappen Flucht mitsamt neuer Geliebter auf den Mond Titan schmiedet er sowohl eine neue Opposition gegen die Allianz als auch einen Plan zu einer Expedition auf die Erde. Anhand von entwendeten Speichereinheiten hat er das große Geheimnis der anti-militaristischen Fraktion der Allianz erfahren: Die Erde verfügte über das Wissen, um Energieschirme herstellen zu können. Fiele der Allianz das Geheimnis wieder in die Hände, könnte sie sich unverwundbar machen und alle übrigen Saturnstädte übernehmen.
Weil die Militaristen Wind von der Expedition bekamen, überfallen sie sie auf der verwüsteten Erde, stehlen die gefundenen Forschungsergebnisse und entführen Sands’ Verlobte. Sands überlebt durch Zufall und verfolgt die Gegner zurück zum Saturn, wo man zum Entscheidungskampf rüstet. Im Finale kommt schließlich alles wieder ins Lot: Die Opposition gewinnt, die Bösewichte müssen dran glauben und Sands hat seine Liebste wieder. Er will künftig helfen, die Energieschirme zu entwickeln, damit auch der ganze Planet Erde geschützt und wieder besiedelt werden kann: Der alte Frontier-Traum der Amerikaner lebt weiter.
Fazit: McCollum gehorcht allen Spielregeln und Klischees der US-Science Fiction, doch tut er wenigstens nicht so, als sei Politik ein Kleine-Jungen-Spiel und als hätte der Gegner - und seien es Aliens - kein Recht auf Leben und Würde. Hinzukommt sein exzellentes Verständnis moderner Physik, erzählerisch ausgeschmückt und verständlich und spannend vermittelt - kurzum eine lohnenswerte Lektüre.
Michael Matzer (c)2000ff
Info: Life Probe/Antares Dawn/The Clouds of Saturn, 1983/86/93, 396/381/462 S., München,
Heyne HSF 06/5381-5383, aus dem US-Englischen von Walter Brumm, DM 14,90/16.90/16,90.