Gegen den Hexenkönig

E.R. Eddison: Der Wurm Ouroboros

Eric Rucker Eddison (1882-1945) war ein Beamter, Schriftsteller und Gelehrter für Altnordisch, der ein äußerlich unscheinbares Leben führte, um seine intensive Kreativität zu verbergen. In seinen Werken wie etwa der Zimiamvia-Trilogie (veröffentlicht 1935-1958) und "Der Wurm Ouroboros" zeigt er sich tief beeinflußt von der jakobinischen Rachetragödie (Handlungsverlauf) und von William Morris, was die Landschaften und den Sprachstil anbelangt. Der Stil ist dekorativ, beschreibend, dicht gedrängt und ergeht sich in langen, zuweilen pathetischen Sätzen -- für heutige Leser nicht sonderlich attraktiv.

Die Bastei-Ausgabe macht die alte Heyne-Übersetzung überflüssig, die sich erstens nicht sehr an das Original anlehnte und zweitens bringt die Pesch-Übersetzung zahlreiche Erläuterungen, die in der Heyne-Ausgabe fehlen. Die Erklärungen herauszufinden, muß eine Menge Arbeit gewesen sein.

Handlung

Krieg ist entbrannt in Merkurien. Auf der einen Seite steht der grausame König Gorice von Hexenland mit seinem Heer, angeführt von den besten Strategen. Auf der anderen Seite stehen die Fürsten von Dämonenland, von übermenschlichen Leidenschaften verzehrt, doch stolz und kühn. Nur wenn einer von ihnen den Fuß auf den Gipfel des höchsten aller Berge setzt, von dem kein Sterblicher je zurückgekehrt ist, vermag er das Mittel zu finden, dem mächtigen Hexenkönig Paroli zu bieten. Denn Gorice umgibt ein altes, düsteres Geheimnis, das ihn unsterblich fortleben läßt. Er trägt einen Ring in der Form des Wurms Ouroboros, des Drachen, der seinen eigenen Schweif verschlingt -- Symbol ewigen Lebens.

Lessingham stammt von unserer Erde, wurde aber irgendwie nach Merkurien verschlagen, eine alternative Fantasywelt. Er beobachtet, wie sich der große Krieg anbahnt. Dabei scheinen den gegenerischen Parteien die Gründe für den Kampf viel weniger wichtig zu sein als die Tatsache des Krieges selbst. Obwohl die teilnehmenden Nationen nach bekannten Wesen wie Hexen, Dämonen, Ghouls und Kobolde/Trollen benannt sind, unterscheiden sie sich von den bei Tolkien vorkommenden Völkerschaften, die unser modernes Verständnis davon prägen.

Lessingham verschwindet allmählich aus dem Bild, doch der Krieg geht weiter, bis Gorice, der Zaubererkönig aus dem Hexenland, definitiv besiegt ist. Doch die versammelten Sieger, die einen schalen Geschmack in der Luft wahrnehmen, bitten die Götter, daß die Zeit sich wie der Wurm Ouroboros in den Schwanz beiße, auf daß sich der Konflikt wiederholen könne. Dieser Gefallen wird gewährt, und so kann alles von vorne beginnen.

Fazit

Solch einen Schluß hätten weder Tolkien noch sein Professorenkollege C.S. Lewis gut oder witzig gefunden. Die beiden stehen für christliche Fantasy, die sich dadurch auszeichnet, daß ein Kampf Gut gegen Böse stattfindet und dieser mit einer Erlösung endet. Vertreter der beiden gegenerischen Seiten sind durch Farbkodierung deutlich zu unterscheiden. Im "Herr der Ringe" gibt es beispielsweise zwei Turm-Paare: 1) den Turm von Isengard und den Schwarzen Turm Saurons, sowie 2) Minas Tirith (strahelnd weiß auf dem Westufer das Anduin) und Minas Morgul (düster auf dem Ostufer).

Bei Eddison wird der Leser jedoch mehrfach schockiert: durch anders angewendete Farbkodierung, andere Benennung von Wesen, die fehlende Erlösung am Schluß. Der Krieg ist kein spiritueller oder gar religiöser Kampf, sondern ein quasi ritterlicher Zweikampf um des schieren sportlichen Vergnügens willen -- für Tolkien praktisch Blasphemie! Daher wurde Eddison mehrmals mißverstanden. Dennoch ist "Der Wurm Ouroboros" von allen seinen Werken noch das lesbarste und beliebteste.

Michael Matzer © 2000ff

Info: The worm Ouroboros, 1922/26; Bastei-Lübbe 1993, Nr. 28215; 508 Seiten, DM 24,90, aus dem Englischen übertragen von Helmut W. Pesch; ISBN 3-404-28215-9

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