Arthur C. Clarke & Gentry Lee
Der Rama-Zyklus - Das Treten des Breis
Der erste Roman um das RAMA genannte außerirdische Raumschiff, der 19973 erschien, gehört längst zum festen Repertoire der klassischen Science Fiction. Es ist wohl auch derjenige Roman aus Clarkes mittlerer Schaffensperiode, der innerlich am besten funktioniert und den Leser am meisten befriedigt. Kein Wunder, daß er dieses Buch, das immer neue Auflagen erlebt, 1989 fortgesetzt und den Zyklus erst vier Jahre später abgeschlossen hat. Insgesamt sind das knapp 2000 Seiten. Das heißt aber nicht, daß auch die Fortsetzungen die Lektüre lohnen.
Rama Nr. 1 schildert die Entdeckung eines gigantischen zylindrischen Hohlkörpers, der die Erdumlaufbahn kreuzt. Eine Expedition erforscht das Innere und findet faszinierende Landschaften und Gebäude, eine Studie in künstlicher Schwerkraft. Die Crew bleibt schließlich zum Teil verschollen, ihre Aufzeichnungen dienen der Erde zum Studium der Außerirdischen.
70 Jahre später. Rama Nr. 2 nähert sich der Erde, einer Erde, die sich gewaltig verändert hat - so bleibt das Interesse des Lesers während der seitenlangen Schilderungen halbwegs wach. Zur neuerlichen Expedition gehört die Ärztin Nicole des Jardins, eine frühere Olympiasiegerin mit illustrer Herkunft. Ihre Mutter war eine westafrikanische Prinzessin, ihr Vater ein berühmter Romanschriftsteller aus Frankreich. Ihre einzige Tochter entstammt einer geheimgehaltenen Liebesnacht mit dem britischen Thronfolger. Man merkt schon: Wir bewegen uns unaufhaltsam in die Gefilde der Trivialliteratur.
An Bord der RAMA II fallen den Intrigen einer ruhmsüchtigen Clique der Kapitän und andere Crewmitglieder zum Opfer, Nicole strandet im Inneren des fremden Raumschiffs, zusammen mit zwei Männern, dem ehemaligen Priester Michael O’Toole und dem genialen Ingenieur und Wissenschaftler Richard Wakefield. Das von den anderen als verschollen zurückgelassene Trio weiß Kontakt mit dem Computer der Aliens herzustellen und sich mit friedfertigen, vogelartigen Aliens anzufreunden. RAMA nimmt Kurs auf Sirius, so daß sich Nicole & Co. häuslich an Bord einrichten können. Von hier ab läßt sich der Zyklus ohne weiteres mit den "Abenteuern der Schweizer Familie Robinson" vergleichen. Nicole und ihre zwei Männer haben Kinder und erkunden ihre kleine Welt.
Doch wohin geht die Reise? In der zweiten Hälfte des Buches gelangen Nicole und ihre Familie, etwa 15 Jahre älter aus dem Kälteschlaf erwacht, zu einer großen Raumstation der Aliens. Man wird von Cyborgs freundlich begrüßt und auf eine neue Aufgabe vorbereitet. Nicole soll eine weitere Probe von menschlichen Exemplaren zu den Aliens bringen. Die Sirius-Station, der sog. Nodus, dient ihren Schöpfern als Sammelpunkt und Beobachtungszentrum für die raumfahrenden Spezies unserer Galaxie. Doch über ihre eigene Identität schweigen sich die "Schöpfer" aus. Wie man sich denken kann, wird dieses Geheimnis erst am Ende des Zyklus gelüftet. Michael und Simone, eine Tochter Nicoles, bleiben zurück, während sich die übrigen wieder auf den langen Weg zur Erde machen.
Im dritten Band des Zyklus mit dem einfallsreichen Titel "Die nächste Begegnung" gehen sehr unterschiedliche Menschenexemplare an Bord des sie abholenden Schiffes RAMA III. Ein ganzes Zubringerschiff mit "Kolonisten" entstammt einer Strafkolonie mit jugendlichen Delinquenten. Das kann ja nicht gut gehen, denkt sich der Leser. An Bord der wieder startenden RAMA gründen die Menschen eine Demokratie in einer Art Eden, nur ein junger japanischer Rebell sondert sich ab und beginnt, den Frieden zu unterminieren. Eine AIDS-ähnliche Seuche untergräbt das Vetrauen in die neue Umgebung, Sexismus und Rassismus greifen um sich. Im Lauf der Zeit endet das soziale Experiment "New Eden" kläglich in einem Putsch mit zahlreichen Toten. Der japanische Rebell Toshio Nakamura schwingt sich zum despotischen Shogun auf und läßt Nicole, die Grande Dame der Kolonie, ins Gefängnis werfen, um sie wegen Hochverrats auf den elektrischen Stuhl zu bringen.
In dieser wenig aussichtsreichen Lage beginnt die Story des Schlußbandes mit dem Superkurztitel "Nodus". Nicole wird natürlich in letzter Minute gerettet und gelangt auf ihrer Flucht in ein völlig anderes Habitat im Innern des Alien-Raumschiffs. Das Habitat gehört spinnenartigen Wesen, die in den früheren Büchern als unheimliche Monster geschildert worden. Nun lernen Nicole und ihre Mitflüchtlinge die Farbensprache der "Oktoarachniden" zu verstehen und bringen diesen die eigene Sprache bei. Mit deutlichem Bemühen um einen "Sense of Wonder" schildern die Autoren die Okto-Gesellschaft und ihre Sitten und Gebräuche. Die Oktos lassen sich am ehesten als geniale, mit einem phänomenalen Gedächtnis begabte Art von Chinesen verstehen, deren Gesellschaft nach dem Prinzip funktioniert: Das Volk ist alles, der Einzelne nichts und daher entbehrlich. Ungehorsame Individuen werden "terminiert", wie man ein fehlerhaftes Geräteteil entfernt. Offensichtlich spiegelt sich hier der aktuelle Konflikt des Westens mit den Asiaten, was die Kulturen und Ideologien anbelangt. Durch das Auftauchen ihrer "Königin" werden die chinesenhaften Oktos mit Ameisen und Bienen gleichgesetzt.
Doch auch hier werden Nicole und ihre Familie von den Schergen des Shoguns Nakamura eingeholt. Dessen Armee führt einen völkermordenden Krieg gegen alle Spezies innerhalb RAMAs, und auch die Oktos werden nicht verschont. Kurz vor der endgültigen Vernichtung schlagen die Oktos mit einer biologischen Waffe zurück, und der Shogun stirbt von der Hand eines seiner Opfer, der drogensüchtigen Katie, Nicoles ältester Tochter.
Die "Schöpfer" intervenieren endlich und schicken alle Überlebenden des Krieges wieder in die Schlafkammern des Schiffs, aus denen sie erst 15 Jahre später wieder erwachen. Nicoles physisches Alter ist nun mindestens 80, ihr irdisches weitaus höher. Gebrechlich und herzkrank bereitet sie sich auf den Tod vor. Zuvor erlebt sie ein Wiedersehen mit ihrer Tochter Simone und ihrem Ex-Geliebten Michael O’Toole. In einem letzem Rundgang werden ihr die Wunder der "Schöpfer" - und der Schöpfung an sich - gezeigt, bis sie schließlich zu verstehen meint, wozu ihr ganzes Leben diente. So stirbt sie mit einem Lächeln.
Der RAMA-Zyklus ist Science Fiction auf Familienunterhaltungsniveau. Zwar wird manches Tabu gestreift, was die Sexualmoral anlangt, doch ansonsten bewegt sich die Aussagekraft innerhalb der "political correctness" auf der Ebene pseudoliberaler konservativer Ansichten zu Familie, Gesellschaft und Universum. So gibt es etwa auch einen Schöpfer und seine "Primärmonitoren", die die Nodus-Stationen erschufen. Das soziale Experiment auf "New Eden" geht zwar von besten Voraussetzungen aus, scheitert aber realistischerweise aufgrund fehlerhafter Ausführung. Hier hat wohl jemand das alte Buch vom Kreislauf der Gesellschaftsformen gelesen.
Als "atemberaubenden SF-Thriller" bewirbt Heyne den letzten Band "Nodus", dabei mündet doch alles eher in Friede, Freude, Schicksal - von Spannung keine Spur. Die ist am ehesten in den ersten zwei Bänden zu finden. Heynes Arbeit an diesen Büchern zeigt sich eher in schlampigem Korrektorat (Rechtschreibe- und Interpunktionsfehler) und Lektorat (vertauschte Namen der Figuren sowie "Amnesie" statt "Ameise"). Daher müssen RAMA II-IV nicht unbedingt ihren Weg in die Klassiker-Bibliothek des SF-Lesers finden.
Michael Matzer (c)2000ff
Info: Rendezvous with Rama/Rama II/Garden of Rama/Rama revealed, 1973/1989/1991/1993, alle bei
Heyne, München; die letzten drei Bände wurden aus dem Englischen von Roland Fleissner übersetzt, DM 5,80/12,80/12,80/16,90, verschiedene Umfänge.