Die Haarteppichknüpfer
In seinem ersten Roman "Die Haarteppichknüpfer"erzählt Eschbach in einer anrührenden und spannenden Mischung aus Fantasy- und SF-Elementen von den Tausenden von Welten im Reich des "unsterblichen Imperators", auf denen Männer aus den Haaren ihrer Frauen Teppiche knüpfen. Nur ein einziger Teppich kann ein Mann im Laufe seines Lebens fertigstellen, und sollte wegen eines Unfalls oder eines Feuers ein Teppich zerstört werden, so gefährdet dies seine Existenz. Denn vom Erlös aus dem Verkauf dieses Teppichs bestreitet der einzige männliche Nachfahre, der den Teppichknüpfer beerben darf, seinen Lebensunterhalt. Er hat also eine hohe Schuld einzulösen. Wird der Teppich zerstört, wächst die Schuld und ihre Abzahlung ins Unermeßliche.
Ebenso eng verzahnt wie das Band zwischen Vater und Sohn, zwischen dem Knüpfer und seinen Frauen ist das Verhältnis zwischen der Gilde der Knüpfer und den Händlern, die die Teppiche kaufen, sowie den Raumfahrern, die die Teppiche angeblich zur Hauptwelt des Kaisers bringen. Nur die Existenz des Gottkaisers rechtfertigt die Existenz des gesamten Systems auf den Haarteppichknüpferwelten, nur er stiftet den Sinn des Lebens, der Wirtschaft und der Gesellschaft. Und wer an ihm zweifelt, muß mit dem Leben für den Frevel bezahlen - so geschieht es mehrmals im Laufe der Handlung. Aufklärer haben keine Chance, Rebellion wird im Keim erstickt.
Jahre, nachdem die Rebellen den Kaiser getötet haben, landet ein vorwitziger Kundschafter auf einem Teppichplaneten und berichtet von diesem einzigartigen Phänomen - denn auf den Zentralwelten hat man bislang noch keinen einzigen Haarteppich zu Gesicht bekommen, geschweige denn im Palast des toten Kaisers. Der Kundschafter wird beinahe zu Tode gesteinigt und verschwindet im Untergrund.
In einem wie ein Teppich verwobenen Geflecht von Episoden eröffnet sich dem Leser Schritt für Schritt das Geheimnis der verschwundenen Haarteppiche. Wie erst zum Schluß klar wird, sind sie Teil einer furchtbaren Racheaktion des Kaisers an einem rebellischen Fürsten, und diese Rache überdauert seinen Tod in einem System, das sich verselbständigt hat. Die wohl anrührendste Szene des Buches: Der Planet des bestraften Fürsten, bislang mit seiner Sonne in einer Dimensionstasche des Raums verborgen, kehrt in den Raum des restlichen Universums zurück, so daß seine Bewohner zum erstenmal seit Äonen die Sterne wieder sehen können.
Die Ironie wird noch makabrer, als der Archivar des toten Kaisers, der alleine noch Bescheid darüber weiß, was sich in den Millionen von Truhen und Schränken des Archivs der Welten befindet, von den Teppichen erzählt, von der Geschichte einer sinnentleerten Rache und eines unzerstörbaren zerstörerischen Systems. Denn seine Vertreter sind zu sehr auf eigenen Machterhalt bedacht, um sich vom Tod des Kaisers überzeugen zu lassen.
Der Roman entwirft sein eigenes Universum, das an Herberts "Wüstenplanet", Asimovs Story "Einbruch der Nacht" und das Alte Testament erinnert: Strenge Gesetze regeln das Miteinander einer wirtschaftlich armen Gesellschaft unter dem Auge eines rachsüchtigen Gottes bzw. Kaisers. Keine Gnade, keine Freundschaft ist möglich, und selbst die Liebe muß sich den Gesetzen unterwerfen. Es ist ein Universum ohne Hoffnung, denn selbst die Rebellen, die auf den Knüpferwelten eintreffen, können das sinnlose System nicht beenden. Alleine durch die kosmische Ironie, die der Autor dem Leser zeigt, wird ein Lichtblick deutlich - jedoch nicht in der Fiktion, sondern nur im realen Leben des Lesers. Insofern ist der Roman eine Warnung und ein Aufrütteln: Er warnt vor einer von sinnentleerten Gesetzen bestimmten Gesellschaft, vor wirtschaftlich begründeter Repression und mahnt zu mehr Menschlichkeit, mehr Anteilnahme und zu Aufklärung, ja, zu Rebellion. Dies sind nicht nur Anliegen der Science Fiction allein, aber durch den besonderen Plot ist dieser Roman, der wie Fantasy beginnt, Science Fiction in bester Tradition.
Michael Matzer (c)2000ff
"Die Haarteppichknüpfer", 336 Seiten, Schneekluth, München 1995, DM 34,-