J.G. Ballard: Running Wild - Das Pangbourne-Massaker

Tod im Haus des Atreus*

In weniger als einer halben Stunde werden in Pangbourne, einer englischen Mustersiedlung der Mittelschicht, 38 Erwachsene ermordet, und alle Kinder sind verschwunden. Die von ganz England entführt Geglaubten stellen sich bei den Ermittlungen zunehmend als die wahren Täter heraus. In seiner Novelle "Running Wild - Das Pangbourne-Massaker" erforscht ein Polizeipsychologe die möglichen Ursachen für die Morde. Die Sammlung von Berichten, Videos, Befunden und Tagebucheinträgen bringt dem Leser langsam das eigentliche Grauen hinter dem Massaker näher, bis die Erzählung in einer minutiösen Schilderung des Geschehens gipfelt.

Die Kinder zwischen 8 und 16 Jahren lebten alle in materieller Sicherheit bei wohlhabenden Eltern, wurden aber derart von Kameras und Wachpersonal überwacht, daß das Gefühl der persönlichen Freiheit erstickt wurde. Daher suchten die Kinder die geheime Kommunikation eines verschworenen Zirkels und tauschten über den PC Nachrichten aus. Manche bildeten sich an exotischen Waffen wie etwa der Armbrust aus. Als dann noch eine BBC-Dokumentation über die Mustersiedlung gedreht werden soll, bekommen die Kinder das Gefühl, in einem Gefängnis bzw. einem Zoo zu leben und reißen die Mauern nieder: Eltern, Wachen, Kameras, Tore. Sie verschwinden.

Was will uns der Dichter damit sagen? Zwar wird die Deutung des Psychologen nicht von den Ermittlungsbehörden anerkannt, doch erscheint sie mit jedem Argument und Indiz plausibler. Pangbourne steht für das Modell-England, das Margaret Thatcher und ihr Nachfolger John Major für die Mittelschicht schaffen wollten. Von der Frage absehend, welchen Preis die unteren Klassen dafür zahlen müssen, untersucht Ballard das Modell selbst und befindet es als zum Scheitern verurteilt. Denn der Friede in diesem Wohlstandsnest ist mit der Bewachung und Befriedung seiner Einwohner erkauft. Ein weiterer Beleg für diese These ist, daß fünf Jahre nach diesen Morden ein Anschlag auf die Ex-Premierministerin - ihr Name wird nicht genannt - unternommen wird; eines der verschwundenen Kinder wird als Attentäter identifiziert.

Dieses Buch hat nichts mit der Entwicklung englischer Schulkinder zu Barbaren in William Goldings Roman "Herr der Fliegen" zu tun, wie der englische Titel nahelegen könnte. Vielmehr geht es um den Ausbruch aus einem Traum von England, der für die "Insassen" zum Alptraum wurde. Daß diese sich dabei zu Terroristen im Untergrund entwickeln, ist nur eine der möglichen Konsequenzen.

Die Illustrationen von Reinhard Kleist zeigen finster blickende, fuchsgesichtige Jungen und Mädchen, mal am Tatort eines der Morde an ihren Eltern, mal aus dem Tor der Siedlung marschierend. Mir scheint diese Interpretation der "dangerous mind"-Jugendlichen zu gewagt und unangemessen, denn schließlich waren die Killer ganz normal und sogar adrett aussehende Mittelschichtjugendliche. Wesentlich passender ist Ballards Sprache, die sich sachlich und straff dem Geschehenen widmet und nur selten einmal die bizarren Bilder beschwört, die uns aus seinen frühen Romanen wie etwa "Kristallwelt" vertraut sind. Diese Sprache wurde von Joachim Körber gut übertragen, bis auf drei zweifelhafte Stellen (Seite 14, 26 und 63). "Running Wild" mag Horror sein, ist aber nicht unbedingt auch Science Fiction. Das Massaker kann jederzeit geschehen. So aktuell sollte das Genre öfter sein.

Michael Matzer (c)2000ff

Info: Running Wild, 1988; Edition Phantasia, Bellheim, 1997, ill. von Reinhard Kleist, Auflage 250 Stück; 79 Seiten, 88 Mark, aus dem Englischen von Joachim Körber.

*König Atreus war der Vater von Agamemnon, dem Sieger des Trojanischen Kriegs. In der "Orestie" von Aischylos erschlägt Aigisthos, der Sohn von Atreus' Bruder Thyestes, Agamemnon und nimmt dessen Frau Klytämnestra zur Gattin. Agamemnons Sohn Orest rächt seinen Vater und erschlägt Aigisthos und seine Mutter Klytämnestra. Atreus selbst hat auch einige Morde auf dem Gewissen. - Thema der Orestie ist der Mord an Eltern und Königen als Verbrechen wider die Natur, sprich: gegen die Götter. Atreus wird in Ballards Text ausdrücklich erwähnt!
 

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