Lost Uterus
Kafka und Gogol lassen grüssen:
Laurie Foos: Ex utero
Vorweg eine Warnung: Personen, die es vorziehen, sich lieber nicht mit den Eigenheiten der weiblichen Sexualität und Biologie zu beschäftigen, sollten weder das Buch noch diese Rezension lesen.
"Ex utero" bedeutet wörtlich "aus der Gebärmutter", und dieses Organ steht ohne Zweifel im Mittelpunkt des kurzen Romans. Doch Laurie Foos, 28-jährige Nachwuchsautorin aus den USA, die als Lieblingsautoren "Kafka, Gogol und Beckett" nennt, packt das Thema mit Swiftschem Humor an. Dabei bleibt die Schilderung einiger absurd anmutender Szenen nicht aus. Die Lieblingsautoren lassen grüßen. Der Leser merkt recht schnell, daß keine einzige Zeile dieser Satire realistisch im traditonellen Sinne gemeint ist, daß dies aber nicht bedeutet, den Text nicht ernst nehmen zu können - im Gegenteil: Die Leser werden gezwungen, sich intensiv mit dem Thema der weiblichen Sexualität und Identität auseinanderzusetzen.
Als Rita eines Nachts im Bett liegt, befällt sie eine plötzliche Panik: Sie hat ihren Uterus verloren. Und zwar am Nachmittag in der Einkaufspassage (Mall) beim Shopping. Sie hatte in einem Schugeschäft ein Paar sexy rote Pumps erstanden, um ihren Freund anzutörnen, und danach war der Uterus weg. Rita, erfüllt von Schuld und Verlust, kann es kaum fassen und weiß nur noch einen Ausweg: Das verlorene Körperteil muß alsbald wiedergefunden werden. Die 31jährige setzt alle Hebel in Bewegung: In der größten regionalen Talkshow bittet sie den ehrlichen Finder, sich sofort bei ihr zu melden. Und selbst die militante Selbsthilfegruppe "Die unfruchtbaren Gebärmütter" erklärt sich solidarisch und macht mobil, um Rita zu unterstützen. Doch die gesamte Medien- und Frauenpower führt nicht zum gewünschten Erfolg, sondern zu immer neuen Verwicklungen und immer sonderbareren Vorfällen, die offenbar alle in Zusammenhang mit Ritas Schicksalsschlag stehen.
"Ex utero" liest sich faszinierend wie ein Thriller, denn der Leser wird auf die Folter gespannt, ob nun Rita ihren Uterus wiederbekommt. Groteske und absurde Nebeneffekte ergeben sich, aber auch solche, welche den Magen auf eine Nervenprobe stellen. Eine mit Rita sympathisierende junge Frau etwa kann ihre Monatsblutung nicht stoppen. Grotesk sind oftmals auch die Reaktionen der Männer, doch entbehren sie nicht einer grundlegenden Sympathie mit Rita. Ihre Beschreibung ist zuweilen geprägt von Mitleid mit der männlichen Haltung - jenem typisch amerikanischen Virilitätskult, der in rechtschaffenen Cops und potenten Erektionen bzw. phallischen Symbolen seinen Ausdruck findet. Am Schluß ist man jedenfalls von Herzen froh, daß Rita ihren Uterus zurückbekommt - er lag auf dem Parkplatz der Mall und wäre fast überfahren worden...
Michael Matzer
(c)2000ffInfo: Ex utero, 1995; Goldmann Verlag, München 1997, 155 Seiten, DM 18,-, aus dem US-Englischen von Brigitte Nicolai
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