Der große Gott in Kanada

Charles de Lints magischer Fantasy-Roman "Grünmantel" um Mafia und Panik

Der 1951 geborene Kanadier Charles de Lint publizierte bereits 1979 seine erste Fantasy-Story und hat sich seitdem als einer der fleißigsten Autoren profiliert. Dabei verfaßte er nicht nur Fantasy, sondern auch einen Horrorroman ("Angel of Darkness", unter Pseudonym) und einen SF-Roman mit dem Titel "Svaha". Bei uns ist er bislang durch seine zwei Romane für Ph. J. Farmers "Dungeon" und durch den Fantasy-Roman "Das kleine Volk" (alle bei Heyne) bekannt geworden. Es wäre zu wünschen, daß sich seine Fangemeinde mit der Publikation von "Grünmantel" vergrößert, um auch die anderen zauberhaften Romane "Yarrow", "Moonheart" und "Spirit Walk" (Dreierband) zu entdecken. Ein De-Lint-Buch ist immer ein Erlebnis, denn hier ist eine eigenständige Welt zu erforschen.

"Grünmantel" Welt besteht aus einer unwahrscheinlichen Kombination: Mafiakiller treffen am Rande der kanadischen Wildnis auf den Einfluß der ältesten spirituellen Macht der Welt: die Verkörperung des Gottes Pan, des männlichen Prinzips in der Natur. (Das weibliche Prinzip ist in der Weißen Göttin verkörpert, die von Robert Ranke-Graves eingehend untersucht und beschrieben worden ist.) Pan titt in de Lints Roman als Grünmantel auf, ein Mann in einem Kleid aus Laub, aber manchmal ein riesiger Hirsch oder ein Eber.

Während die Killer das zerstörerische Element darstellen, stehen auf der anderen Seite eine geschiedene Frau, Frankie, ihre Tochter Alice sowie die Verbündeten Grünmantels. Sie bauen auf und erhalten. Zwischen den Fronten befindet sich Toni Valenti, der sich vor der Mafia, seinen früherem Arbeitgeber, versteckt und sich mit Frankie und Alice anfreundet. Toni Valenti kämpft um sein Leben, unterstützt nur von wenigen Getreuen.

Auch Frankie wird verfolgt. Sie hat kürzlich in der Lotterie eine Menge Geld gewonnen und damit ihr altes Elternhaus renoviert, um nun in Ruhe mit ihrer 14jährigen Tochter Ali leben zu können. Kaum haben sich die beiden mit ihrem Nachbar Toni anfreunden können, als auch schon ihr Ex-Ehemann auftaucht und versucht, sie um ihr gewonnenes Geld zu bringen. Sie kann ihm entkommen und flüchtet mit Ali zu Toni, der den Ex verjagt. Ein riesiger Hirsch spielt dabei eine wichtige Rolle. Doch der Ex, Earl, aktiviert die Mafia, die mit Toni eine alte Rechnung begleichen will.

Im nahen Wald entdecken Ali und Toni ein versteckt liegendes Dorf, New Wolding, in dem Grünmantel verehrt wird. Ein Panflötenspieler ruft den großen Hirsch an einem großen stehenden Stein herbei, und die Döfler tanzen fast vergessene Tänze. Als Grünmantel erscheint, springt Ali auf seinen Rücken und verschwindet mit ihm in die Anderwelt. In einem Ring aus Steinen stehend betrachtet sie die Welt einer anderen Zeit. Ihre Begleiterin Mally, ein Bindeglied zum Mysterium Pans, erklärt Ali die Zusammenhänge, bis Grünmantel sie wieder zurück in ihre eigene Welt bringt.

Wenige Tage danach rücken die Mafiakiller Toni auf die Pelle. Toni hat Frankie inzwischen die Wahrheit über seine kriminelle Vergangenheit erzählt. Er erhofft sich mit Frankie eine gewaltfreie Zukunft, einen Neuanfang. Trotzdem stellt sich Frankie, ebenfalls eine Kämpfernatur, auf seine Seite und hilft ihm im entscheidenden Gefecht. Eine Rakete zerstört Tonis Haus. Als Frankie selbst ihren Ex-Mann töten könnte, tut sie es nicht, um sich nicht auf eine Stufe mit ihm zu stellen - eine Wandlung ist mit ihr vorgegangen. Toni tötet ihn für sie.

Während des Gefechts beschwört Ali mit einem Feuer aus Knochen Grünmantel abermals herbei. Doch diesmal ist die Begegnung voller Gefahr, denn Grünmantel wird verfolgt von einer Hundemeute. In einer Vision der Anderwelt nimmt Alice diese Hunde als christliche Folterknechte wahr, die sie an einen Baum fesseln und sie zwingen wollen, dem "heidnischen Gott" abzuschwören. Zum Glück erkennt sie, daß Pan jedem so erscheint, wie derjenige ihn sehen will: als Prinzip des Bösen, der Lust oder als Verkörperung von Leben, Kraft und Schönheit. So besiegt sie die Folterer und verjagt sie, bevor sie wieder in ihre eigene Welt zurückkehren kann. Ali befindet sich mitten in der Pubertät, und diese Szene ist möglicherweise eine symbolische Auseinandersetzung mit ihrer erwachenden weiblichen Sexualität. Der Autor verrät es nicht.

In dieser Szene wird deutlich, mit welchen inneren Dämonen Toni Valenti, die geschiedene Frankie und deren Feinde, die Mafiosi und ihr Ex-Mann, zu kämpfen haben. Alle sind der Musik Grünmantels ausgesetzt, doch jede(r) reagiert anders, mal mit Haß, mal mit Liebe. Ebenso reagiert der moderne westliche Mensch auf den Einfluß der Kräfte der Natur - wenn überhaupt, da viele von uns den Kontakt zu ihr verloren haben.

"Grünmantel" ist ein komplexes und dichtes Buch, das die wiederholte Lektüre lohnt. Die Charaktere, selbst die Nebenfiguren, sind fein herausgearbeitet und treiben die Handlung konsequent voran. Die Handlungsstränge sind stark miteinander verwoben, zeitlich wie auch räumlich. In diesem Geflecht von Beziehungen und Wechselwirkungen entsteht eine eigenständige, glaubwürdige Welt am Rande unserer akzeptierten Realität. De Lint betrachtete dieses Werk als eine Art Fortsetzung zu Lord Dunsany’s Klassiker "The Blessing of Pan". Dies verrät er im Nachwort, das deutschen Ausgabe fehlt.

Dem Übersetzer dieses Buches stellen sich besondere Schwierigkeiten. Da ist zum einen der authentisch klingende Slang der New Yorker Mafiosi sowie der kanadischen Gangster um Earl. Deren Ausdrucksweise ist oftmals brutal und sexistisch. Zum anderen ist da die beinahe romantisierte Welt der Fantasy um Grünmantel, die nicht kitschig erscheinen sollte. Peter Pape ist es gelungen, beide Sprachebenen adäquat ins Deutsche zu übertragen.

Leider unterlief dem Verlag im Klappentext ein Fehler: Nicht wie dort behauptet Toni Valenti, sondern alleine Alice und Mally entzünden das magische Feuer aus Knochen, das Grünmantel rufen soll.

Michael Matzer (c)2000ff

Info: Greenmantle, 1988; Heyne 1998, Nr. 06/5900, München; 463 Seiten, DM 17,90, aus dem US-Englischen übertragen von Peter Pape

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