Besucher, Verräter, Vermittler

C.J. Cherryh: Hestia

Der Kurzroman "Hestia" (1979) erschien auf deutsch im Heyne Science Fiction Jahresband 1982, illustriert mit Zeichnungen von John Stewart. Hestia war die griechische Göttin des Herdes und des Herdfeuers, wie die Altphilologin Cherryh sehr wohl wußte. Hestia wurde bei jedem Essen zuerst mit einem Gebet bedacht, auch von Gästen. Im Gegensatz zu ihrer römischen Nachfolgerin Vesta, einer Staatsgöttin, war Hestia eine Familien- und Hausgöttin. Allerdings gibt es zu ihr keine Mythen.

Handlung

Der Name des regelmäßig überfluteten Planeten Hestia weist auf die Notwendigkeit der ersten Voraussetzung für erfolgreiche menschliche Ansiedlungen hin: das Herdfeuer, Trockenheit, schützende Wärme. Leider wird die menschliche Bevölkerung, die sich hauptsächlich im Hauptstromtal niedergelassen hat - weil die einheimische intelligente Spezies ihr das Vordringen auf die Höhen verwehrt - jeden Frühling beinahe weggeschwemmt: Die Schmelzwasser des Stroms spülen die Haustiere und Hütten ebenso weg wie die Bodenkrume.

Nach 100 Jahren Siedlung sieht es für Hestia ziemlich mies aus. Die Kolonialbeamten der Erde machen sich "vom Acker". Als ihr Chef, Sam Merritt, die Gelegenheit nutzen will, die ein Sternenschiff mit seiner früheren Geliebten Lilith bietet, verwehrt ihm der lokale Gouverneur Lee die (illegale) Abreise und zwingt ihn, noch mindestens ein Jahr Hestia sein Ingenieurswissen zur Verfügung zu stellen. Merritt muß wiederwillig mitmachen und fährt den Strom hinauf, in einem Boot, das von Amos Selby und seinem unehelichen Sohn Jim gesteuert wird.

In Burns Station lernt er die Tochter des Hauses, die hübsche Meg, kennen. Er erklärt ihr jedoch, daß aus ihnen beiden wohl nichts unter den aktuellen Umständen werden würde. Sie ist Hestianerin, und er hat seinen Platz noch nicht gefunden. An der Grenze zum wilden Teil Hestias soll Sam mit einem Damm die Wasser des Stromes zähmen. Der Bau des Damms wird jedoch von den intelligenten Ureinwohnern sabotiert, so daß der Bau zahlreiche Opfer an Menschen, Vieh, Hunden und Material fordert.

Eines Tages gelingt es Sam und Jim, ein Weibchen einzufangen. Sie nehmen Sazhje gegen den Widerstand der Grenzsiedler in ein Zimmer des Haupthauses und ketten sie an. Eine Art inter-rassischer Kommunikation sowie Verständnis kommt in mehreren Wochen zustande. Als der Widerstand zu groß wird, muß Sam Sazhje wieder freilassen, obwohl die anderen sie lieber tot sehen würden. Er trifft sie weiterhin im Wald und schläft mit ihr. Meg ist ebenso abgestoßen von Sams Verhalten wie die anderen Grenzer.

Beim Versuch, Sazhjes Volk vor den Folgen des Damms zu warnen - der Stausee wird seinen Lebensraum überfluten - wird er von ihrem Volk gefangengenommen. Heftige Diskussionen und Mordversuche bedrohen sein Leben. Man nimmt ihn zu der Truppe von Ghair mit, der zahlreiche Grenzer getötet hat. Ghair hat Sprengstoff erbeutet und will den Damm sprengen, so daß die Grenzer am Strom ertrinken würden. Es geht also auf beiden Seiten um "Sie oder wir".

Sam kann zurück zu den Menschen fliehen. Zusammen mit Amos und Jim kann er fast den Anshlag auf den Damm vereiteln, doch der Damm bricht und ertränkt dabei Ghairs Volk. Doch Sazhjes Stamm bietet den Grenzern nun Land am ungefährdeten Oberlauf an. Eine friedliche Koexistenz liegt im Bereich des Möglichen.

Abspann: Sam verzichtet in Hestias Hauptstadt auf das Recht auf den Abflug in einem Sternenschiff und reist mit Meg und Jim zurück zur früheren Grenze, nach Burns Station. Sie kommen an einem angelnden Ureinwohner vorbei, der sich in die nunmehr verlassenen Menschengebiete vorgewagt hat. Genau ein Jahr ist vergangen, seitdem Sam diesen Strom erstmals hinauffuhr.

Fazit

"Hestia" zeigt ganz klar bereits in den Anfangskapiteln die krassen Unterschiede zwischen Erdgeborenen, Hestiasiedlern und Sternenfahrern auf. Ihr geistigen Einstellungen sind inkompatibel. Sternenfahrer würde niemals mit den verachteten Weltlingen siedeln, und Erdgeborene sind zu vernünftig und finanzbewußt, um die heimatverbundenen, sturen Hestianer wirklich verstehen zu können. Und für die Hestianer sind die anderen entweder Ausbeuter und völlig Fremde, die bald wieder verschwinden.

Und dann sind da noch die Nichtmenschen. Für sie geht es ebenso wie für die Kolonisten um das nackte Überleben, sollte Sam den Damm fertigstellen. Erst als Samm gegen alle Widerstände die Verständigung mit Sazhjes Volk gelingt, gibt es für die Grenzer wie auch für das Volk wieder eine Perspektive, an die vorher niemand zu glauben gewagt hat.

In "Hestia" ist Cherryh eine spannende Grenzer-Story gelungen, in der die Sackgasse der gewaltsamen Konfrontation überwunden wird. Die Grenzer-Atmosphäre gelang ihr nochmals in den Romanen "Rider at the Gate" (1995) und "Cloud's Rider" (1996).

Zwischen den Kapitel 4 und 5 gibt es eine auffällige Lücke in der Entwicklung der Beziehung zwischen Sam und Meg. Begrüßten sie sich in Kap. 4 noch oberflächlich, so küssen und umarmen sie sich in der nächsten Szene bereits wie ein Liebespaar.

Auch die Übersetzung weist einige - typisch deutsche - Fehler auf.

Michael Matzer © 2000ff

Info: 1982; Heyne, München, 1982, Nr. 06/3870, 461 Seiten; DM 5,80; "Hestia" wurde von Thomas Schichtel übersetzt; ISBN 3-453-30756-9

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