Die Gesellschaft ist paranoid

John Brunner: Ein irrer Orbit

"Ein irrer Orbit" (1969) bildet zusammen mit "Morgenwelt" (1968) und "Schafe blicken auf" (1972) jenes Trio an gewichtigen, sozial engagierten Romanen, das John Brunners Ruhm innerhalb der modernen Science Fiction begründet hat. Auch wenn dieses Buch unter diesen dreien das formal schwächste sein mag, ragt es doch haushoch über die Masse der SF-Produktion hinaus. Der Heyne-Verlag hat die Übersetzung von Horst Pukallus, die der Moewig-Verlag 1982 unter dem Titel "Das Gottschalk-Komplott" veröffentlicht hatte, leicht überarbeiten lassen und – endlich – mit einem der Thematik angemessenen Titelbild versehen herausgebracht.

Schon das Cover von Andreas Reiner weist auf ein Hauptthema des Romans hin: die fortgeschrittene Paranoia der amerikanischen Gesellschaft und ihre "Therapie" mit Hilfe der computerisierten Psychiatrie, die selbst wiederum paranoid ist. Die Bevölkerung ist rassistisch gespalten in die weiße Mehrheit der "Blanks" und die schwarzen "Knieblanks" (beide Wörter sind aus dem Afrikaans der Kapprovinz abgeleitet), die in eigenen Enklaven leben müssen. Zwischen beiden Gruppen wird die Angst voreinander und der Haß aufeinander geschürt von der Mafia der Waffenhändler, den Gottschalks, die daran kräftig verdienen, da beide Gruppen ständig aufrüsten.

Matthew Flamen, einer der letzten Kritiker der Gesellschaft, ein sogenannter "Medienkiebitz", deckt mit Hilfe von mehreren Freunden und Bürgern ein Komplott der Gottschalks auf: Diese wollen ein Waffensystem einführen, das es Einzelpersonen erlauben würde, ganze Straßenzüge einzuäschern, ohne dabei selbst verwundbar zu sein. Erführe die weiße Bevölkerung, daß die Schwarzen solche Waffensysteme zuerst besitzen, würde sie deren Einsatz zuvorkommen, indem sie sämtliche Schwarzenenklaven vernichten würde: Die Paranoia auf ihrem Höhepunkt und zugleich an ihrem Ende – die Gesellschaft vernichtet sich dabei selbst.

Wichtig sind neben dem Aspekt der Psychologie und der Kritik Brunners am paramilitärisch-industriellen Komplex die urheber des Wissens und der kritik. Neben Flamens Intelligenz und seinem wütenden Drang, Aufklärung zu erlangen, ist vor allem der große weise Mann des Romans zu nennen, Xavier Conroy. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, ist zornig und engagiert, vor allem aber verläßt er sich als einziger nur auf den gesunden menschenverstand. Alle anderen hängen an den Aussagen der allgegenwärtigen Computer. Conroy erst setzt die fakten in Verbindung zueinander und zieht Schlüsse, so daß Flamen und Co. handeln können. Ihm gebührt auch das letzte Wort des Romans – ein alter ego des Autors selbst.

Die Literaturkritik hat darauf hingewiesen, daß das Happy-end des Romans leider erst durch das Mittel eines im wahrsten Sinne des Wortes deus ex machina herbeigeführt wird: Eine Maschine, ein Roboter der Gottschalks, eröffnet den Blick in eine schreckliche Zukunft, nur um daraufhin in Apathie zu verfallen. Das ist für guten Stil etwas zu plump, bringt aber endlich die Wende in der Handlung, die Wende zum Guten.

"The Jagged Orbit", so der Originaltitel, ist, verglichen mit heutiger SF-Kost, nicht einfach zu lesen. Die deutsche Übersetzung wird dem Buch weitgehend gerecht. In seinem Nachwort weist der Übersetzer auf einige interessante Umstände hin, die es diesem Brunner-Roman in Deutschland schwer gemacht haben, wahrgenommen zu werden.

Einen SF-Roman mit den Themen Rassismus und Verfolgungswahn gerade in diesen Tagen (1993) in Deutschland zu veröffentlichen – dafür ist Heyne jedenfalls zu danken.

Michael Matzer ©2000ff

Info: A Jagged Orbit, 1969; Heyne, 1993, Nr. 06/4672, 471 Seiten, DM 16,90, aus dem Englischen von Horst Pukallus (auch Nachwort)

(Sfm #110)

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