Es lebe die Revolution!

Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie

Mars ist in, Mars bringt der SF verbrauchte Energie zurück, Mars ist unsere nächste Heimat. Zu diesem Schluß muß kommen, wer nicht nur die Mars-Romane von Greg Bear und BenBova und Paul McAuley, sondern auch die drei dicken Schinken von Kim Stanley Robinson gelesen hat. Robinsons Mars-Trilogie ragt nicht nur durch die Detailliertheit in der Schilderung des Jahrhunderts nach der Gründung der ersten Siedlung heraus. Wie schon in seiner ausgezeichneten Kalifornien-Trilogie (Wildes Ufer, Goldküste und Pazifische Grenze) ist die Besiedlung eines Grenzlandes - und das ist der Mars ganz bestimmt - immer auch die Geschichte einer Utopie. Die Utopie des Traums, wie Menschen am besten miteinander leben können, damit die größte Zahl glücklich werden kann. Daß es damit immer Probleme gibt liegt auf der Hand. Deshalb verhilft der Utopie manchmal nur die Revolution zum Erfolg.

Die Trilogie besteht aus den Bänden "Roter Mars, Grüner Mars und Blauer Mars. Diese Titel verraten bereits die ökologische Entwicklung, der der Rote Planet unterworfen wird, sobald im Jahr 2027 die ersten hundert Wissenschaftler gelandet sind. Gnadenlos wird der Planet terraformt, allerdings von rationalen Experimentierern, die damit ein tolles Spielzeug gefunden zu haben glauben. Es ist der radikale Widerstand der Fraktion der "Roten" um die Geologin Ann Clayborn nötig, daß Sax Russell, der Terraformer, sein Ziel überdenkt. Und notwendig ist auch die spirituelle Dimension, die Hiroko einbringt. Sie sorgt für den ersten Nachwuchs der Siedler und formt ihre eigene kleine "Kirche" des Mars. In ihrem Glaubensbekenntnis, der "Areophanie", werden alle seine Namen in allen Sprachen genannt. Kein Wunder, daß drei ihrer Söhne Mars-Namen tragen: Nirgal, Kasei, Harmakhis. Sie spielen im zweiten Band eine tragende Rolle. Ann, Hiroko, Sax, John Boone - der erste Mann auf dem Mars - und seine Freunde Maya und Frank - sie alle schildert Robinson in solchem Detail und mit psychologischen Einfühlungsvermögen, daß es den Leser wirklich rührt, wenn John und Frank schließlich sterben, Ann ins Exil geht und Sax verwundet wird. Niemanden läßt der extreme, kalte und unwirtliche Planet unberührt - die Siedler nennen dies Areoformung.

"Roter Mars" ist mit Abstand der beste Roman des Trios. Hier spürt der Leser beim Erforschen der Landschaften, beim Kennenlernen der Menschen in ihrer harten Umwelt, beim Aufeinanderprallen der gegensätzlichen Auffassungen hinsichtlich der Zukunft der Marsianer einen "sense of wonder", der einfach Hunger auf mehr macht. In "Grüner Mars" ist die Terraformung schon bei sauerstoffspendenden Pflanzen und bei der Entstehung eines Ozeans auf der Nordhemisphäre angelangt - sehr zum Mißfallen der immer radikaler werdenden Areologin Ann Clayborn, die vor Anschlägen auf Installationen nicht zurückschreckt. Während Kasei Deiche sprengt, versucht Nirgal die Menschen in den verschiedenen Parteien zu versöhnen.

Denn der Rote Planet wird von den großen übernationalen Konzernen der Erde als auszubeutendes Territorium ohne eigene Regierung betrachtet. Millionen von billigen Arbeitskräften werden in zerbrechlichen Kuppelstädten angesiedelt, um die Bodenschätze abzubauen, so etwa radioaktives Uran! Die übervölkerte Erde, geplagt von Bürgerkriegen und Umweltzerstörung, will ihren Überschuß loswerden. Die Überfremdung und Ausbeutung nimmt derart zu, daß sich die Alteingesessenen nach 34 Jahren spontan entschließen, eine Revolution zu machen, eigentlich eine unorganisierte Revolte: Der Mond Phobos stürzt auf den Planeten hinab, ebenso das 34.000 km lange Kabel des Aufzugs zu der Anlegestation für Raumfrachter. Die Szene, als das Kabel sich zweimal um den Planeten wickelt und alles in seinem Weg vernichtet, gehört zum Besten in der ganzen Trilogie.

Auch "Grüner Mars" endet mit einer Revolution. Aber die Ersten Hundert, langlebig dank genetischer Behandlung, haben aus dem Scheitern der Revolte von 2061 gelernt. Im Jahr 2127 übernehmen zentral koordinierte Gruppen ihre jeweils von Sicherheitstruppen der Erdkonzerne besetzten Kuppelstädte. Sax Russell spielt eine wichtige Rolle bei der Verteidigung - er schießt den zweiten Mond Deimos ebenso wie alle feindlichen Satelliten ab. Lediglich die Städte Sheffield, Endstation des neuen Aufzugs, und Burroughs, die größte Stadt, widerstehen der Revolution. Kasei sprengt den Deich, der Burroughs vor dem andrängenden Ozean des Nordens schützt - die Wassermassen wurden aus dem Untergrund und von den Polkappen herausgeschmolzen. Die Konzerntruppen fliehen ebenso wie die 80.000 Einwohner. Doch diese haben als einzige Fluchtmöglichkeit nur den Fußweg über die Oberfläche bis zur nächsten, 73 km entfernten Bahnstation. Dank eines von Sax entwickelten Filters können die Einwohner auch ohne Atemmasken den Marsch aufnehmen, bei klirrender Kälte, die die Russen unter den Ersten Hundert stark an Sibirien erinnert. Aber die Luft ist atembar, und die Marsianer können unabhängig von Kuppelstädten auf der Oberfläche überleben. Und sie haben eine von bestimmten Erdnationen anerkannte Führung. Mars ist frei.

"Blauer Mars" wird von zahlreichen Lesern als ein schwacher Abschlußband angesehen. Sie bemängeln das Fehlen einer stringenten Handlung, und in der Tat ähnelt die Story eher einer wissenschaftlichen Reiseerzählung als einem Drama menschlichen Schicksals. Der Planet verfügt nun über Ozeane, und vom Weltraum aus gesehen, hat der Rote Planet die blaue Farbe einer wasserreichen Welt angenommen. Ausnahme sind die überkuppelten Reste von Mars-Wildnis, der Schutzpatronin natürlich Ann Clayborn ist. Obwohl auf der Erde die Ozeane wegen des schmelzenden Antarktis-Eises immer noch steigen (6 Meter!), ist der Mars vom Exodus nicht mehr so direkt betroffen, da ein verbesserter Raumschiffantrieb die Besiedlung der Saturn- und Jupitermonde zuläßt. Auf dem Mars selbst wird eine Eiszeit gefürchtet, doch die Ersten Hundert, nun über 200 Jahre alt, und ihre inzwischen fünf bis sechs Kindgenerationen gewinnen die letzte Schlacht um die Stabilisierung des Klimas und können nun echte Marsianer werden.

Die Trilogie ist nicht nur eine der zahlreichen, bereits genannten Zukunftsvisionen für den Mars, sondern auch eine Vision der menschlichen Evolution. Utopien müssen sich den veränderten Umständen anpassen, und dieser Kampf ist oft der schwerste, denn im Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Auffassungen und im Abnabeln von der Kolonialmacht Erde werden Opfer gebracht werden müssen: John Boone, der große Einiger, Frank Chalmers, der erste Administrator und Diplomat des Mars, der gefolterte Sax Russell und viele andere. In "Blue Mars" werden die Gegensätze versöhnt, so etwa Sax mit Ann, die manipulative Jackie mit Nirgal. Doch selbst die Langlebigkeitsbehandlung schützt die Ersten Hundert nicht vor dem Tod - er kommt ohne Warnung, ohne Symptome. Die Botschaft: Biologie ist Schicksal, besonders auch auf einer fremden Welt. Man kann das Schicksal - mit heroischen Anstrengungen - aufschieben, aber nicht aufhalten.

In wissenschaftlicher Hinsicht ist Robinsons Werk äußerst eindrucksvoll. Kein Wunder, daß er sich bei seinen SF-Kollegen bedankt, allen voran bei Charles Sheffield. Nur wenige Fehler werden von den kundigen Lesern moniert, doch bereits diese wenigen erschüttern das Vertrauen in die anderen Beschreibungen. Genau so ergeht es dem deutschen Leser mit der Übersetzung von Winfried Petri. Das Schweizerische Hochdeutsch Petris bedarf bereits der Gewöhnung, umso ärgerlich sind dann rundweg falsche Übersetzungen wie "Schimmel" statt "Spitze" für lace. Die Falschübersetzungen, die einen Katalog füllen könnten, lassen einen die Bücher nur mit Vorsicht genießen. Machen sie vielleicht auch nur 0,001 Prozent des Textes aus, so beeinträchtigen sie doch das Vergnügen ganz erheblich - hier hat der Lektor geschlampt. Zudem fehlen der deutschen Ausgabe die chronologischen Übersichten aus den Hardcover-Originalen, die sehr hilfreich gewesen wären. Immerhin wurden die Karten gut reproduziert.

Soll man sich diese 2500 Seiten trotzdem antun, wird sich mancher Leser fragen. Die Antwort ist ein großes bejahendes "Unbedingt"! Ein derartiges Leseerlebnis kommt so bald nicht wieder. Nicht umsonst wurden "Roter" und "Grüner Mars" mit Preisen überhäuft.

Michael Matzer (c)2000ff

Info: Red Mars/Green Mars/Blue Mars, 1993/94/96; Heyne 1997/98, Nr. 06/5361-63, München; 798/910/1024 Seiten, je DM 24,90, aus dem US-Englischen übertragen von Winfried Petri (außer Band 3)

www.matzer.de/SFF/
www.carpe.com/buch/