Robert J. Sawyer: Die dritte Simulation

Menschen erschaffen Ungeheuer in Form künstlicher Intelligenz - diesen Frankenstein-haften Plot hat man schon des öfteren gelesen. Die Gründe, warum der Autor dieses Near-Future-Thrillers den Nebula Award bekommen hat, liegen einerseits in der akribisch genauen Schilderung des Milieus und der KI-Wissenschaft sowie der Konsequenzen, die die Entdeckung der menschlichen Seele und die Erschaffung einer KI haben. Dabei geht Sawyer weit über Kollegen wie William Gibson hinaus und beschäftigt sich wie John Brunner mit dem sozialen Kontext.

Peter Hobson ist Biotechnologe und hat ein neuartiges Gehirnaufzeichnungsgerät, einen Scanner, entwickelt, mit dem er alle Neuronenaktivitäten im Hirn bis ins letzte Details elektronisch erfassen kann. So gelingt es ihm, erstmals zu beweisen, daß die Seele eines Menschen nach dessen Gehirntod den Körper verläßt und weiterexistiert. Die Bekanntgabe dieser Entdeckung ruft sämtliche religiösen Eiferer auf den Plan, führt aber ironischerweise auch Verbrecher - aktive wie auch einsitzende - zu bemerkenswerten Schlußfolgerungen für ihr weiteres Handeln.

Der Autor zeichnet als Realist auch die Psychologie Hobsons und seiner Frau Claire mit großer Einfühlsamkeit und weiß die Szene, als sie Peter gesteht, fremdgegangen zu sein, eindringlich zu schildern. Hobson schreit in seinem Zorn, er könnte den Verführer umbringen. Dieser Haß führt zu tödlichen Ereignissen, als Peter sich mit den auf ihn einprasselnden Fragen nach dem Leben nach dem Tod und nach der Unsterblichkeit auseinandersetzt und eine Lösung sucht: Er scannt sich selbst und erschafft mit Hilfe eines Freundes drei elektronische Abbilder des eigenen geistigen Innenlebens. "Ambrotos" ist die unsterbliche Version seiner selbst (ohne Altern), "Geist" das Leben nach dem Tod (ohne Körper) und "Kontrolle" ist die unveränderte Version, um die anderen Versionen damit vergleichen zu können. Wenig später wird Claires Verführer ermordet aufgefunden, und auch Claires Vater, so verrät der Erzähler, wird ein Opfer, da er seine Tochter zeit seines Lebens unterdrückt hat. Niemand kann sich die Tode erklären.

Erst als die Polizistin Sandra Philo auf merkwürdige Zusammenhänge und Datenfälschungen stößt und Peter damit konfrontiert, wird dem Wissenschaftler klar, daß er ein Ungeheuer geschaffen hat. Doch welche Version seiner selbst ist die schuldige? Interessante Zwiegespräche folgen, und erst die massive Drohung mit einem die drei Intelligenzen eliminierenden Computervirus veranlaßt den Mörder zum Geständnis. (Er soll hier nicht verraten werden.) Doch selbst als der Virus losgelassen wird, können sich die drei KI’s retten. Wenig später fällt Sandra Philo einem Mordanschlag zum Opfer, den sie nur durch Peters Eingreifen überlebt, allerdings radioaktiv verseucht. Die Todgeweihte läßt sich scannen und in die weltumspannenden Netzwerke einspeisen: Sie sucht ihren Mörder und stellt ihn.

Claire und Peter werden zusammen alt, wenn auch ohne Kinder. "Und als sie dann gestorben sind" - na, dann finden sich ihre Seelenströme wieder, klar - irgendwo im Orion. Hier hat Sawyer einem ernsten Thema ein kitschiges, wenn auch vielleicht für viele Leser befriedigendes Happy-End angeklebt.

Fazit: Sei’s drum: "Die dritte Simulation" ist einer der besser geschriebenen, mit Sachkenntnis auf jeder Seite überzeugenden Romane zu den Themen Mensch und KI, Leben nach dem Tod und Unsterblichkeit. Und von Cyberpunk keine Spur.

Michael Matzer (c)2000ff

Info: The terminal experiment, 1995; Goldmann Verlag, München 1997, 343 Seiten, DM 16,90, aus dem US-Englischen von Cecilia Palinkas

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