Gilgamesch im Cyberspace
Neal Stephenson: Snow Crash
Neal
Stephenson, Jahrgang 1959, ist ein neuer Star am Science Fiction-Himmel der
USA. Sein Ruhm ist noch nicht ganz zu uns gedrungen, aber Meinungsmacher wie William
Gibson und NewAge-Papst Timothy Leary sind des Lobes voll. Allerdings muß man
auf deren Meinung genausowenig Gewicht legen wie auf die von Stephen King, wenn
er Kollegen über den grünen Klee lobt. Immerhin hat sich »Snow Crash« in
Übersee gut verkauft, und Stephenson schon einen weiteren Roman abgeliefert.
Von letzterem kann sich jeder eine Leseprobe in CompuServe (im SFLIT-FOrum)
besorgen, der Zugang zum Online-Cyberspace hat.
Apropos
Cyberspace: Dies ist der Ort, wo sich die wichtigsten Sequenzen von »Snow
Crash« abspielen. Und da sich Stephenson seine Helden nicht gerade in den
Penthäusern der Gesellschaft gesucht hat, könnte man hier von astreinem
Cyberpunk sprechen - wenn der nicht schon längst totgesagt wäre. Wie auch immer
man den Roman einordnen will - er ist vollkommen auf die abgefahrene
Computerelite zugeschnitten, auf Hacker und Möchtegernrevoluzzer und auf Leute,
die Rock'n'Roll lieben. Aber hat dieses modische Stück Literatur auch eine
Aussage? Mal sehn...
Hiro
Protagonist (übrigens ein tautologischer Name wie von James Joyce) ist im
bürgerlichen Beruf ein sogenannter Pizza-Auslieferator für Onkel Enzo Cosa
Nostra Pizza, einem Mafia-Unternehmen, das jedem Anrufer garantiert, seine
Bestellung innerhalb von genau 30 Minuten zu liefern. Der Job hat nur einen
Haken: Wer auch nur eine Sekunde zu spät liefert, wird eliminiert. Genau das
Richtige für Hiros Sinn für Abenteuer, und tatsächlich trennen ihn am ersten
Höhepunkt des Romans wegen eines bedauerlichen Unfalls nur noch wenige Sekunden
vom Nirwana, als ihn eine Kurierin, die er kurz zuvor zufällig überholt hatte,
rettet - einfach so. Y.T., so heißt seine gute Fee, wird ihm noch des öfteren
begegnen. Sie ist ein ebenso unverwüstlicher Typ wie Chevette in William
Gibsons Roman »Virtuelles Licht« - genauso punkig, clever und verletzlich.
Nachdem er
seinen Job also los ist - niemand spaßt mit der Mafia - richtet Hiro seinen
Sinn wieder auf die Dinge, die das Leben im 21. Jahrhundert bewegen: In den
zerfallenen Staaten, die einst Amerika waren, in Los Angeles, das einst eine
Metropole war, jetzt aber in Myriaden kleiner Fürstentümer aus
Franchise-Unternehmen zerfallen ist - hier hat er sein wahres Domizil im
Cyberspace des Metaversums, das er mitgegründet hat, aufgeschlagen. Hier
programmiert er als Hacker die Spielregeln, hier tritt er als
schwertschwingender Ninja auf. Und verliert hier seinen besten Freund: Ein
feindlicher Software-Virus bringt dessen Cyberspace-Simulacrum zu einem
Systemabsturz, einem sogenannten Snow Crash. Der Mensch, der ja nicht einfach
so an Software stirbt, jedoch stürzt ins Koma. Der betroffene Hiro kommt
allmählich à la Philip Marlowe einer gigantischen Verschwörung gegen das
Metaversum auf die Spur. Wie schon in Gibsons »Neuromancer«-Trilogie wird das
Buch ab hier eine abenteuerliche, aber ebenso spannende wie rasante
Detektivgeschichte: mit Schurken und Helden, einem Oberbösewicht und einigen
wenigen Aufrechten.
Mitzuverfolgen,
wie Hiro die Spur aufnimmt und in den Kampf zieht, ist sicherlich ganz nett,
aber die wahre Freude ergibt sich doch mehr aus den herrlichen Innovationen,
die Stephenson in seine Romanwelt eingebracht hat: die Franchise-Fürstentümer,
das Metaversum, High-Tech-Skateboards, Wunderwaffen namens »Vernunft« (à la
Iain Banks), halbintelligente CyberWachhunde und dergleichen mehr. Anders
jedoch als Gibson weiß Stephenson, was ein Computer ist, was so eine Maschine
leisten kann und was dazu im einzelnen notwendig ist. Man spürt in jeder Zeile,
daß er weiß, wovon er schreibt.
Probleme
Doch auch er
scheitert ein wenig an dem Problem jedes Schriftstellers: Wie vermittle ich
meinem Leser eine Menge Hintergrundwissen, ohne daß er dabei einschläft? Dieser
tote Punkt kommt etwa auf Seite 250. Da muß der Leser kapieren, wofür ein
Germanistikstudent ein ganzes Semester Zeit hat: daß es nämlich sprachliche
Muster geben kann, die in entsprechender Form die bewußte Ebene des
Sprachverständnisses umgehen und direkt auf die tiefere Ebene des
Unterbewußtseins einwirken können, wo die (von modernen Linguisten
angenommenen) Tiefenstrukturen der Sprache festgelegt sind. Ein solches
subversives Sprachelement - nennen wir es mal »Bannfluch« - wirkt auf den
menschlichen Geist dann wie ein Virus auf ein Stück Software, das als
Betriebssystem eingesetzt wird: Dabei kommt es zum Stillstand, wenn nicht sogar
zum »Systemabsturz«. Diesen schwierigen Sachverhalt setzt Stephenson nicht
besonders gekonnt in lebendige Prosa um, und jeder Leser hat etwas Mühe, die
babylonischen Quellen (»Turm von Babel« usw.) des Snow-Crash-Virus zu verstehen.
Doch sobald man die Quintessenz einmal kapiert hat, kann man die restlichen
knapp 300 Seiten genießen - denn hier geht die Post ab.
Finale
Es stellt
sich nämlich heraus, daß ein religiös angehauchter Medienpapst (Ted Turner läßt
grüßen) ein zweifache Invasion von Rest-Amerika vorhat: In der realen Welt
bringt eine riesige, zunächst friedlich erscheinende Invasionsflotte aus
Flüchtlingsbooten ein Heer von asiatischen Boat-People an die Westküste, im
Metaversum hingegen droht der erwähnte Sprachvirus die komplette
Hackerpopulation auf einen Schlag psychisch zu exekutieren. Natürlich gelingt
es Hiro Protagonist und seiner Freundin Y.T. in allerletzter Sekunde, den
Oberbösewicht zu stellen wie auch den Anschlag zu vereiteln.
Moral
Also, die
Aussage, die Moral von der Geschicht': Trau den bösen Medienzaren nicht - oder:
Besser ein Hacker als ein ahnungsloses Computerkarnickel. Denn genauso, wie in
den USA bereits heute die Massenmedien das Verhalten der breiten Masse - z.B.
bei Präsidentschaftswahlen oder beim Einkaufen - steuern, genauso besteht die
akute Gefahr, in den sich explosionsartig ausweitenden Online-Netzen der großen
Anbieter (Internet, Onlinedienste) durch Monopole beherrscht und manipuliert zu
werden.
Die einzige
Lösung, die Stephenson anbietet: Die jungen Rebellen, die sich nicht kaufen
lassen, werden als Hacker usw. den Rest der Welt vor den Multis retten. Das ist
seine Rock'n' Roll-Philosophie, und sie macht dieses Buch so attraktiv, so
amüsant, so amerikanisch. Denn dies ist natürlich die alte Unabhängigkeitserklärung
in neuem Gewande, und der zu befreiende bzw. zu erobernde Kontinent heißt nicht
Nordamerika, sondern Metaversum.
Der Spaß an
der Lektüre von »Snow Crash« ist der gleiche, den z.B. Indiana Jones als
abenteuerlicher Archäologe, Case in »Neuromancer« oder Chevette in »Virtuelles
Licht« vermitteln. In diesem Licht hat »Snow Crash« vielleicht eine fragwürdige
(»Wir sollten alle Hacker werden«) oder naive (»Wir könnten alle den Multis
Paroli bieten, wenn wir nur wollten«) Botschaft, aber er macht einfach eine
Menge Spaß beim Lesen. Und das ist nicht zu wenig.
Michael
Matzer (c)2009ff
Info:
Neal Stephenson, Snow Crash, 1992; Goldmann TB 23686, München 1995, DM 14,-
(Erstveröffentlicht als Goldmann TB 42450, München, 1994; 534 Seiten, DM 20,-).
Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber.
http://www.matzer.de/SFF/
http://www.carpe.com/buch/