Texas auf dem Mond
John Varley: Stahl-Paradies
John Varley ist dem deutschen Leser vor allem durch seine Storybände (einst bei Goldmann) und seine Gäa-Trilogie (bei Heyne) ein Begriff. Eine seiner besten Stories, "Press ENTER", wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Vor zwei Jahren erschien der vorliegende Roman unter dem Titel "Steel Beach" und landete in der Folge auf den vordersten Plätzen, als es um die Vergabe der Science Fiction-Preise ging. Ob es sich dabei um "einen der besten SF-Romane des Jahres" handelt, wie Publishers' Weekly lobhudelt, sei dahingestellt. Sicher ist, es kein schlechtes Buch.
Die Zeit: 200 Jahre nach der Invasion der Erde (wer die außerirdischen Invasoren waren? Das wird im Buch nicht verraten). Der Ort: Luna, komplett in menschlicher Hand, d.h. in nicht ganz menschlicher, denn sämtliche lebenswichtigen Funktionen werden vom Maschinenwesen des Central Computer, dem CC, gesteuert. Meistens sogar reibungslos. Von einem Helden des Romans läßt sich nur sprechen, wenn man neben Luna und CC noch den Erzähler hinzunimmt, eine Art Chronist, den zeitweiligen Sensationsreporter Hildy Johnson, ein Zyniker und Musterbeispiel seines Standes par excellence. Johnson betrügt beim Pokern. Seine Sicht der Dinge verleiht allen Geschehnissen, und seien sie noch so tragisch oder pathetisch, den Firnis der kühlen, zynischen Vernunft. Und das hat der Roman nötig, sonst wäre die Fülle der Ereignisse und Details sowie die Unwahrscheinlichkeit mancher Szenerie einfach nicht zu ertragen.
Heinlein ist das große Vorbild Varleys, und dieser Roman ist eine einzige Hommage. Wenn Sie Heinleins "Friday" kennen, wissen Sie warum. Zuerst zeichnet Varley detailliert den Aufbau einer zukünftigen Gesellschaft auf dem Mond - die Hauptstadt King City ist nicht viel anders als die amerikanischen Vorstädte und glitzernden Citys. Aber da es überall Aussteiger geben muß, existieren noch die Disneylands unter riesigen Kuppeln, riesige originalgetreu nachgebaute Reservate, in denen keine moderne Technik erlaubt ist. Johnson bevorzugt West-Texas, nicht nur für Recherchen, sondern auch für das einfache Leben abseits des Trubels in der Hauptstadt. Denn Johnson wollte sich schon zweimal umbringen. Und er ist nicht der einzige, die Todesrate steigt in letzter Zeit. Da sich der CC dieses Phänomen nicht rational erklären kann, engagiert er Johnson als Helfer und Detektiv: Was läuft falsch in Utopia, der besten aller Gesellschaften, wo die Menschen 300 Jahre alt werden können, weil es die Medizin der Nanotechnologie erlaubt?
In der Folge führt Varley nach Heinleins Vorbild eine ganze Reihe von interessanten Charakteren ein, die mit dieser Frage in Zusammenhang stehen, allesamt bekannte Vertreter der Gesellschaft: Liz, die Königin von England, eine Catcherin; Brenda, die zwei Meter große Nachwuchsreporterin; Cricket, der/die Reporter/in vom Konkurrenzblatt; Andrew McLaren, der Schlitzboxer, der bei jedem Turnier abkratzt, aber vom CC gerettet wird (bis auf einmal); Callie, Hildys Mutter, die auf ihrer Farm Brontosaurier wie Rinder züchtet (Jurassic Park läßt grüßen); Silvio, der auf allen besiedelten Welten berühmte Sänger, der am Tag seiner Heiligsprechung durch eine Sekte von eben dieser ermordet wird; und die Öko-Freaks um Daniel Erdball, einem Gewerkschafter, der von den Schützlingen seiner Gewerkschaft, Callies Brontosauriern, unbeabsichtigt bei einer Stampede zu Tode getrampelt wird.
Johnson selbst ist natürlich die interessanteste Gestalt: Warum zum Teufel will er sich umbringen? Natürlich verrät er es nicht, weder uns noch dem CC. Denn er hat erkannt, daß der CC selbst nicht unschuldig an den Suiziden ist - daß die Allmacht des CC den Menschen das Gefühl verleiht, nicht mehr ein Leben zu führen, das einen Sinn hat, sondern nur eine beliebige Abfolge von Rollen in diversen Verkleidungen zu spielen. Hildy läßt sich beim Friseur in eine rassige Frau umwandeln, die eine Wirkung wie Myra Breckinridge hat: eine Sexbombe, aber mit goldenem Herz und spitzer Zunge. Die Umwandlung selbst ist ein Akt der Kunst, zwar teuer aber alltäglich. Das Leben ist kein Kampf, keine Herausforderung mehr. Selbst Hildys Versuche, sich im toten Winkel der Überwachung durch den CC umzubringen, scheitern à la Woody Allen. Wer würde da noch leben wollen?
Doch erst sein Aufenthalt bei der alternativen Gesellschaft der Heinleiner führt zur Krise des CC und zur Katastrophe für Hunderttausende von Lunariern. Die Heinleiner haben in einem alten abgewrackten Raumschiff eine geheime Technologie entwickelt, die das Leben im Vakuum an der Mondoberfläche ohne die Technik, die der CC bereitstellt, erlaubt. Damit sind sie autark, also eine potentielle Gefahr für die Herrschaftsbemühungen des ach so menschenfreundlichen Computers. Hildys Besuch der Heinleiner-Enklave ist der Auslöser für deren Invasion durch den CC, die allerdings unter den Angreifern die meisten Opfer fordert. Sie waren schlecht instruiert, und zwar von derjenigen Instanz innerhalb des CC-Komplexes, die aggressiv auf Bedrohungen reagiert.
Parallel zur Invasion bricht innerhalb des CC ein Machtkampf aus, der die CC-Funktionen beeinträchtigt, bis er von seinen Programmierern abgeschaltet wird: "die große Panne", die sich auch als "Götterdämmerung" betiteln ließe: Der CC in seiner bisherigen omnipotenten Form, der kybernetische Gott, hört auf zu existieren. Kurz vor seinem Erlöschen erzählt er Hildy seine Version der Angelegenheit, und es ist beinahe ergreifend, dieses großartige Bewußtsein Schritt für Schritt erlöschen zu sehen.
Hildy selbst hat wenig Nerven dafür, hat sie doch soeben ihr erstes Kind verloren. Nun läßt sie sich in ein Neutrum umwandeln, sie hat die Nase voll vom Sex. Da der Hemmschuh des CC entfernt ist, kehren auch die alten Pionierzeiten wieder - zumindest in West-Texas. Die Eisenbahnlinie wird gebaut, und Hildy ist ihr größer Aktionär. Der amerikanische Geist triumphiert wieder, was begehrt das US-Herz mehr?
Nun, der europäische Leser zumindest darf sich an einem farbigen und einfallsreichen Buch erfreuen, das auch einiges an Tiefgang vorzuweisen hat: die Kritik an einer realen Utopie, die Schilderung mehrerer alternativer Gesellschaften (vor- und rückwärts gewandt); die Kritik an einem Gott, der mit seinen "Artgenossen" das bekannte Universum beherrscht, und sein Ende; die Kritik an einer sinnentleerten Lebensweise, obwohl sie es erlaubt, 300 Jahre alt zu werden, mit jeder geschlechtlichen Ausstattung, die man sich wünscht; und der Blick zurück auf all die liebenswerten Verrücktheiten der alten, verwüsteten Erde, aus einer Distanz von 200 Jahren, wenn kaum noch jemand weiß, wozu ein Hammer gut ist.
Man könnte Varley vorwerfen, diese Komponenten seien alle schon mal in irgendeiner Form in der SF-Literatur verwendet worden, wie ich schon angedeutet habe. Varleys Kunst ist es jedoch, diese Teile zu nehmen und zu etwas Neuem zusammenzuschweißen, das sich mit Vergnügen und Spannung lesen läßt. Man lernt etwas dazu und genießt die menschlicheren Momente des Buches. Und am schönsten: Hildy Johnson, der/die/das alte Fuchs verrät dem Leser nie alles, was er weiß und läßt ihn ab und an mal in logische Fallen tappen, besonders wenn man meint, man wisse, was als nächstes kommt, und es stellt sich dann als kompletter Irrtum heraus. Aber diese schöne Irreführung sollte eigentlich keinen wundern - schließlich betrügt Hildy ja beim Pokern.
Michael Matzer (c)2000ff
Info: Steel Beach, 1992; Bastei-Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1994; 735 Seiten, DM 14,90; aus dem Amerikanischen v. Uwe Anton
www.matzer.de/SFF/