Michael Swanwick
Die Tocher des stählernen Drachen
Swanwicks Roman belegte 1994 immerhin den 2. Platz bei den LOCUS-Awards, wurde aber ansonsten 1994 und 1995 völlig links liegen gelassen, wenn es um Auszeichnungen ging. Das dürfte wohl zum Teil daran liegen, daß das Buch weder eindeutig der Fantasy noch der Science Fiction zuzuordnen ist und daß dem Leser erst spät im Laufe der Handlung klar wird, daß die geschilderte Welt nicht der Fantasy angehört, sondern parallel zu unserer existiert, die vorkommenden Wesen aber mit Hilfe von magischen Techniken in unsere Welt wie in einen Traum wechseln können. Diese Uneindeutigkeit verhinderte einen größeren Erfolg.
Jane ist etwas sehr Seltenes, nämlich ein Mensch. Sie wächst unter Gnomen, Kobolden, Elfen, Wasserspeiern und Basilisken mit seltsamen Namen auf und arbeitet in der Drachenfabrik. Die Drachen sind aus Stahl und voll kybernetisch ausgerüstet, so daß sich der Pilot mit dem Bewußtsein des Drachen zusammenschalten kann. Nachdem die Kinderarbeiter erfolgreich den Aufstand gegen ihre Aufseher durchgeführt haben, flüchtet Jane mit ihrem persönlichen Drachen, den sie wieder hergerichtet hat, in ein neues Leben.
Der Teenager Jane hat als Ladendiebin besondere Erfolge vorzuweisen, denn die magischen Alarmanlagen werden von ihr nicht ausgelöst. Sie gewinnt Freunde und an Einfluß. Sie wird sexuell initiiert und à la Circe mit sexueller Macht ausgestattet, verliert ihren Freund und macht Bekanntschaft mit den oberen Zehntausend, den gefährlichen Elfen. Aus dem Dropout wird allmählich eine arrivierte Dame des Establishments, die auf Drogen und "innovativen" Sex steht: In der Regel überleben ihre Lover das Liebesspiel nicht.
Dennoch bewahrt Jane stets ihre eigene Perspektive auf die Verhältnisse: die eines Drachenpiloten. Und sie steht voll hinter dem Plan ihres Drachen, diese Welt der Unterdrückung zu zerstören. Dazu soll die Göttin in ihrem Spiralschloß hinter den höchsten Wolken vernichtet werden. Und so geschieht es: Nach einem Angriff auf die Luftwaffen-, d.h. Drachenbasis der Elfen geht’s auf zum Schloß der Göttin. Leider schaffen es Jane und ihr Drache nicht ganz, denn die Göttin hat sich gut geschützt. Jane stürzt durch eine Art Dimensionstor und wacht in unserer Welt wieder auf. Als junge Frau beginn sie ein neues Leben. Der erste interessante Mann, den sie entdeckt, erinnert sie stark an ihren verstorbenen Freund...
Dieser nun nicht gerade umwerfenden Story wird auch nicht geholfen durch eine Erzählstruktur, die Spannung aufbauen könnte. Die Handlung beschränkt sich vielmehr auf schlaglichtartige, aber beliebig erscheinende Episoden aus Janes (Liebes-) Leben. Hätte Swanwick seiner Figur einen ernstzunehmenden Gegenspieler entgegengestellt, wäre ein die Handlung tragender Spannungsbogen entstanden, aber so bleibt es bei punktuellen Kraftproben, die kaum interessieren, weil sie nicht folgerichtig entstehen.
Man kann den Roman nicht als Jugendbuch für Minderjährige weiterempfehlen, weil der Autor in der Beschreibung der Sexszenen kein Blatt vor den Mund nimmt, doch sehen sich erwachsene Leser, denen man es empfehlen könnte, andererseits mit einer Handlung und einer Heldin für ein Teenager-Buch konfrontiert. Nicht Fisch, nicht Fleisch, verfehlt "Die Tochter des stählernen Drachen" die allermeisten Lesergruppen.
Michael Matzer
(c)2000ffInfo: The iron dragon’s daughter, 1994,
Heyne Nr. 0605377, München, 1996, 540 Seiten, aus dem US-Englischen übersetzt von Alfons Winkelmann, DM 19,90.